Winter im isländischen Hochland – solo

Deine Idee einer reizvollen Tour gehört dir. Aber nur, bis die Idee die Oberhand gewinnt. Denn dann gehörst du ihr, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann du sie verwirklichen musst. So ging es mir mit dem Gedanken, im Winter mal eine Zeit allein im isländischen Hochland zu verbringen. So lande ich im Februar 2010 in Reykjavik wo ich erst mal ein paar Tage bleibe. Noch ’mal essen, was und so viel ich will, Schwimmbad und Cafés besuchen, abends mit Isländern in die Kneipe. Der Überlandbus bringt mich in den Norden Islands, zur Abzweigung der Kjölur-Hochlandroute. Der Busfahrer hilft mir beim Ausladen des Schlittens, legt mir seine Hand auf die Schulter und wünscht mir alles Gute – und viel Schnee. Aber im Moment stehe ich mit Packschlitten und Skiern inmitten beigegrüner Weiden. Schnee ist nur auf fernen Gipfeln auszumachen. Ich spanne ein kleines Fahrgestell unter den Schlitten. Ursprünglich war es nur dafür gedacht, leichter durch die Stadt zu kommen. Jetzt muss es mir dabei helfen, über die Schotterpiste die Hochlandkante zu erreichen. Dort wird schon genügend Schnee liegen.

Vor ein paar Tagen wurde ganz in der Nähe ein junger Eisbär erschossen, der von Grönland herüber trieb. Ob seine Mama mit ihm nach Island kam und hier irgendwo herumstreift, ist noch nicht geklärt. Also verlasse ich mal lieber die Küstenregion und mache mich auf den Weg nach Süden. Zwei Hunde kommen auf mich zu gerannt, begrüßen mich freudig und traben die ersten Kilometer neben mir her. Als ich am nächsten Abend das Hochland erreiche, schaue ich auf die endlose Weite und sehe… keinen Schnee! Auf den drei Tage alten Satellitenfotos war hier doch alles weiß! Jetzt erinnert mich dieser Anblick an den isländischen Sommer. Skilaufen und Schlittenziehen sind unmöglich. Was nun? Ich stelle das Zelt auf, esse und verkrieche mich in den Schlafsack. In der Nacht steht mein Entschluss fest: Ich lasse den Schlitten und alle nur irgend entbehrliche Ausrüstung zurück, packe den Rucksack und gehe weiter. Das wird verdammt eng. Ein Buch und ein kleiner Weltempfänger, die mir das lange Alleinsein hätten versüßen sollen, bleiben zurück, ebenso die 20 Tafeln Schokolade, weiteres Essen und Kochersprit. Da bleibt nicht viel übrig. Die Tüte mit Werkzeug und Ersatzteilen wird ebenso ausgemistet wie der Klamottenpacksack. Mit einem lauen Gefühl im Magen lasse ich auch die Steigeisen zurück. Ich lege noch eine kurze Nachricht in den Schlitten und schließe das Verdeck. Die Skier müssen mit. Falls doch noch der große Wintereinbruch kommt, komme ich ohne sie nicht mehr heraus. Der Rest passt gerade so in und an den 90-Liter-Rucksack. Und jetzt los.

Es tut gut, die Schotterpiste zu verlassen und auf natürlichem Boden voran zu kommen. Wie schön wäre es, bei guter Schneelage mit Skiern und Schlitten durch diese Weiten zu ziehen. Nun, es ist, wie es ist. Mein Ziel ist, innerhalb einer Woche Hveravellir zu erreichen, ein Gebiet genau in der Mitte des Hochlands. Dort gibt es heiße Quellen, eine kleine Wetterstation und eine Wanderhütte. Direkt an der Hochlandpiste gelegen ist es im Sommer gut besucht. Jetzt werde ich dort sicher niemanden antreffen. Tag für Tag wird die Umgebung abwechslungsreicher. Das Wetter wird besser, immer wieder kommt die Sonne heraus. Nach und nach legt sich eine dünne Schneeschicht auf die Landschaft. Die Flüsse sind jetzt von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Das macht das Überqueren umständlich und sehr gefährlich. Lange suche ich jeweils nach einer geeigneten Stelle und taste mich sachte über das oft knackende Eis, stets begleitet von weichen Knien, 180 Puls mit anschließendem Durchatmen. Den Rucksack ziehe ich mit einer Reepschnur nach. In solchen Momenten wird mir das Alleinsein schon sehr bewusst.

Nach sechs Tagesetappen habe ich 100 Kilometer geschafft und erreiche bei 5 cm Neuschnee und sonnigem Wetter Hveravellir. Kein Mensch ist zu sehen, auch die Wetterstation ist nicht besetzt. Hauptsache, der Hot-Pot ist da, ein aus Natursteinen gemauertes Badebecken, das von den umliegenden kochend heißen Quellen gespeist wird. Ich stelle das Zelt auf, esse die Miniration Instant-Nudeln und nehme ein heißes Bad im Freien; bei minus 12° Außentemperatur, über mir Sternenhimmel und Polarlicht. Ein unbeschreibliches Erlebnis, aber leider mit niemandem zu teilen. Im Zelt geht die kleine Feier weiter: Eine Kanne Tee, ein paar Kekse und die Vorstellung, morgen ausschlafen zu können und einen Spaziergang in der Umgebung zu machen, besiegeln diesen unvergesslichen Tag.

Zwei Tage später zieht ein Sturm auf, der fast 50 Std. anhält. Hin und wieder halte ich den Windmesser hinaus und messe Böen von über 100 km/h. Endlose, laute Stunden, Langeweile voller Anspannung. Als der Sturm nachlässt, mache ich eine kleine Tour durch das Kjalhraun-Lavafeld. Am Abend merke ich erst, wie sehr die vergangenen Tage an meiner Substanz genagt haben. Die Anstrengung, der Sturm, das Alleinsein und das Zuwenig an Essen fordern jetzt ihren Tribut. Ich kann mich nicht mehr auf den Füßen halten, verliere das Gefühl in den Händen, die Kopfhaut kribbelt. Der Kreislauf macht schlapp. Jetzt aber zügig reagieren! Ich nehme eine Hand voll Würfelzucker mit viel Wasser, koche mir einen Kaffee und mache mir eine extra große Portion Müsli. Als es mir besser geht, verkrieche ich mich in den Schlafsack und versuche zu schlafen. Da sehe ich einen Lichtschein am Zelt, höre ein Brummen in der Ferne. Entweder bin ich jetzt vollends durchgeknallt, oder ich bekomme tatsächlich Besuch. In 100 m Entfernung pflügen sich drei Super-Jeeps durch die Nacht und halten vor der Hütte an. Ich greife zur Stirnlampe und gebe Signal. Schon kommt jemand auf mich zu. „Hae hae, ég heiti Gümmie.“ Gümmie ist Bergführer und mit einer kleinen Gruppe mit den Fahrzeugen über den Langjökull-Gletscher vom Südwesten herauf gekommen. Auch ich gebe meine Geschichte zum Besten. Gümmie meint, ich solle doch in einer halben Stunde zur Hütte kommen, dann wäre das Essen fertig. Eben noch am Rande der Erschöpfung und allein, sitze ich jetzt mit netten Leuten am Tisch bei isländischem Lammbraten, Bratkartoffeln und Gemüse, dazu eine Dose Bier, zum Nachtisch Stockfisch, der vor dem Essen tief durch den Margarinebecher gezogen wird. Im Sommer habe ich in Island etliche solcher Geschichten erlebt, aber jetzt habe ich wirklich nicht damit gerechnet.

Mit Windstille und blauem Himmel beginnt der neue Tag. Zum Abschied drückt mir Gümmies Freundin noch eine große Tüte Expeditionsnahrung in die Hand. Es sei nicht gut, hungrig zu sein, meint sie. Ich fühle mich ausgeruht und kräftig, das Wetter ist fantastisch. Jetzt kann ich noch eine gute Woche bleiben und ein paar Skitouren auf die umliegenden Berge machen. Stellenweise vermisse ich auf dem blank gefegten Firn die Steigeisen, aber meist komme ich mit Skiern und Fellen ganz gut voran.

Nach den schönen Tagen in Hveravellir ist der Höhepunkt der Tour überschritten, das Essen wird jetzt wirklich knapp. Ich mache mir gerade Gedanken, in drei Tagen über den Süden aus dem Hochland heraus zu sein, da kommen Ole und Gunnar angefahren. Gunnar ist der Hüttenwart und schaut auch im Winter mal vorbei. Klar nehmen sie mich mit nach Reykjavik, wollen aber vorher noch zwei Tage zum neuen Vulkan am Fimmvörðuháls, der vor kurzem ausgebrochen ist. Diese Zugabe nehme ich natürlich mit. Wieder in Reykjavik angekommen, steht mir noch eine einwöchige Reise bevor. Ich muss noch einmal in den Norden, um den Schlitten zu holen. Aber das ist eine andere Geschichte…

 

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