Friends on no-Powder days

Text & Bilder: Jonathan Pietsch

Ende Februar 2017 verabredeten wir, 5 Freunde bekannt aus dem Erasmus in Trondheim, uns zu einer Skitourenwoche in den Alpen. Eine gute Gelegenheit, dachte ich, Tim, Mattl, Goran und Jaume die nördlchen Ostalpen von daheim aus zu zeigen. Unweigerlich verbunden jedoch mit einer gewissen Bringschuld, vor allem dem extra einfliegenden Basken Jaume gegenüber; Die Reisestrapazen wollen angemessen entlohnt werden.
Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Wenig bis kein Schnee von Wien bis zur Westschweiz. Vielleicht hätten wir uns sogar besser in Jaumes Pyrenäen getroffen.
Während ich noch die letzte Klausur bestritt, hatte Tim unsere drei Gäste schon in München eingesammelt und versucht, sie zwei Tage im Heutal und am Geigelstein mit weißer Freude zu bespaßen. Dass er sie nicht wirklich zufrieden stellen konnte, lag aber eher nicht an seiner fehlenden Ortskenntnis meiner Hausberge. Nun – was tun, mit vier schneehungrigen Jungs, die morgen hungrig vor der Tür stehen werden, ungeduldig auf die erste Powderabfahrt wartend? Locker und spontan bleiben – ab in den Süden!
Ziel: Die Hochalmspitze; beziehungsweise der Winterraum der Villacher Hütte.
Wir treffen uns abends in Übersee, wo die Herrschaften ihre bisher luxuriöseste Nacht auf Isomatten in dem Rohbau verbringen dürfen, der zufällig nebenan steht und teilweise meinen Eltern gehört. Mit einer Nacht in einem richtigen Haus hatten sie nicht gerechnet. Etwas staubig vom Estrich machen wir uns nach dem versöhnlichen Frühstück auf den Weg ins Maltatal. Bauchgefühl und Höhenlage versprechen Schnee; auch nicht richtig viel, aber mehr als hier.
Erwartungsvoll schießen wir also in Tims auf Anschlag gepackter Familienkutsche die Tauernautobahn hinunter. Salzburg, Hallein, Werden, Flauchau, Tunnel, Tunnel, Tauerntunnel..
Als wir auf der dunklen Röhre ins gleißende Weiß der Alpensüdseite tauchen, brauchen die Augen einen Augenblick, sich neu zu justieren. Wir werden empfangen von einer märchenhaft glitzernden, metertief verschneiten Winterlandschaft – NICHT. Braune Hänge, grüne Fichten und ab und zu eine weiße Spitze in der Ferne.
Tims Winterreifen sind von vor dem letzten Krieg. Wir müssen das Auto also über die steilsten Stellen der Malta-Hochstraße schieben. Die hauchdünne Neuschneeschicht ist Aufwärmübung und Hoffnung zugleich. Hoffentlich kommen wir bei der Rückreise hier wieder runter, ohne von den Leitplanken Gebrauch zu machen.


Endlich auf unseren Lieblingssportgeräten stehend gehen die ersten paar hundert Höhenmeter auf Forstwegen zügig voran. Eine auf den ersten Blick einladende Schutzhütte veranlasst uns zu einer längeren Pause, in der wir schon den Eingang freischaufeln und Holz sammeln. Wir spielen mit dem Gedanken hier unten zu bleiben, weil wir vorab in der Eile keinen Schlüssel für den Winterrraum weiter oben organisieren konnten. Dort stünde uns, sollte niemand anders zugegen sein – und danach sieht es aus – nur das wahrscheinlich sehr spartanische Notlager zur Verfügung. Die unverschlossene Hütte hier unten stellt sich aber von Innen als löchrige Ruine heraus. Wir gehen also doch noch weiter zur Villacher Hütte und versuchen unser Glück. Die Dämmerung setzt schon ein als wir zufällig quasi an die Schwelle rempeln. Glück gehabt, das Weg- und Spurlose Gelände hätte uns genauso gut an der Hütte vorbei führen können, dann wären wir noch einige Zeit herumgeirrt. Das Unglück im Glück folgt natürlich auf den Fuß – das Schlüsselproblem. Tim rackert sich mit allen möglischen Gegenständen ab, die Normalsterbliche für alles möglich benutzen, außer als Schlüssel. Dementsprechend bleibt uns der Winterraum verwehrt. Das Notlager ist eine Doppelbettmatratze (Anm. d.Red. Jonathan ist aktuell frisch verliebt und hält 1,40m für eine Doppelmatraze) im Verschlag an der Rückseite der Hütte, aber immerhin ist es nicht weit zum Plumpsklo. Die Liegefläche ist schnell vom Mäusekot befreit und mit Decken ausgelegt, die Eingangsöffnung wird mit einer Schaummatte verhängt. Warm wird’s trotzdem beim ‚Abendessen im Bett‘. In Sardinenanordnung kann ohne Frostbeulen durchgeschlafen werden, bis die Bude morgens von außen erwärmt wird. Wir sind fast fertig mit aufräumen und Frühstück als zwei Tourer von unten kommen und den Winterraum aufsperren. Das haben wir also verpasst. Eine fein eingerichtete, blitzsaubere Stube, mit allem, was man braucht (Merkzettel!)
Jetzt geht es endlich Richtung Hochalmspitze. Die Landschaft wird schnell alpiner, von der kluftigen, steinernes-meer-artigen Umgebung der Hütte geht es auf offenere, steilere Hänge. Wir schlüpfen durch ein paar windgeformte Skulpturen, auf denen man surfen möchte und stehen bald vor dem riesigen, weiten, welllig ansteigenden Gipfelhang. Das Kartenmaterial zeigt ab hier mal mehr, mal weniger Gletscher an, je nach Quelle. Von Eis (und damit Spalten) ist nichts zu sehen, es liegt eine ordentliche Schicht Pulver (yes!)
Die beiden Hüttenschlüsselbesitzer sind vorhin schon an uns vorbeigezogen und sind ohne Unterbrechung weitergegangen. Scheinbar doch eher nur nur noch ein Firnfeld, als ein Gletscher? Wir verlassen uns auf die Expertise der Locals.
Der Föhnsturm, der uns jetzt mit jedem Meter Höhe stärker entgegenweht, sorgt am Ende für den Verzicht aufs Gipfelglück. Stattdessen Fellen wir an einer schützenden Felswand ab, machen kurz Brotzeit und warten auf Mattl, der einige extra Ziegelsteine zum Training dabei hatte, oder zumindest ein volles Packerl schlechte Ausreden. Die Abfahrt im Gipfelhang macht Riesenspaß und auch bis zur Hütte zurück und darunter finden wir Stellen, für die sich die Anreise gelohnt hat. Am witzigsten sind aber definitiv Tims Sturzeinlagen – ersteht zum ersten Mal seit seiner Kindheit auf Skiern. Ein Brett mehr am Geläuf überfordert ihn anscheinend.
Wir würden gerne noch eine Nacht in Lager verbringen, haben aber leider keinen Proviant mehr dabei. Also geht’s erstmal zurück heim, ohne befürchtete Zwischenfälle mit Leitplanken, wohlgemerkt.
Mittels digitaler Helferchen und eines ganz analogen Insidertipps rückt daheim schnell ein neues Ziel in den Fokus. In einem einschlägig bekannten Tal bei Kitzbühel soll man noch ein gutes Schneefundament finden, heißts. Mal wieder ein Iglu oder eine Schneehöhle? Der Gedanke ist gedacht, es gibt kein zurück.


Angekommen am schon hoch gelegenen Parkplatz nehmen wir dann doch lieber die Zelte mit. Seit Tagen schmlizt der Schnee im Föhn dahin, aber wenigstens kann man noch auf Ski starten. Oben im Talschluss ist nach einiger Schlepperei schnell ein schönes Plätzchen zwischen alten Tannen gefunden. Eine kurze, erleichterte Mittagstour – durch den Sturm wieder ohne Gipfel – schieben wir noch ein, dann geht die Schaufelarbeit los. Fertig mit den schön ebenen Terassen für die Zelte beginnen wir sogleich mit dem Wohnbereich; Eine Eckbank, Durchreiche zur Küche und ein fahrbarer, vom Kubismus inspirierter Tisch wollen aus den Schneehaufen gepellt werden. In T-shirts bei Föhn geht alles leicht von der Hand. Eine Abendausfahrt im weichen und doch harten Schnee und viel Flüssigkeit runden den Abend ab. Wir ziehen uns in die Zelte, Goran in seine selbstverordnete Survival-biwakmulde zurück und schlafen den Schwips aus. Ein bisschen froh, dass uns im morgengrauen kein Jäger erlegt hat, endet der letzte Gemeinsame Tag, mit einem letzten Aufstieg zu – wieder keinem Gipfel. Der Sturm hat seinen Höhepunkt erreicht und weht oben meinen offenen Rucksack den Gipfelhang runter. Mit freundlicher (=gehässiger) Unterstützung der Anderen ist alles schnell wieder eingesammelt und weil der Powder ja mit Abwesenheit glänzt, findet sich auch alles wieder.
Es war eine lustige Woche mit dem „carussel deportivo“ und ich freue mich auf eine baldige Wiederholung in Selber Konstellation. Dafür würde ich sogar den ein oder anderen Powder-day opfern.

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