Materialtest: OMama’s Knitwear

Materialtest: OMama’s Knitwear
Der OMama PERNAT 5.3 und seine Geschwister im Langzeittest
von Jonathan Pietsch

Es gibt nichts Besseres als die unerreichte Goretex Pro-shell? Nur solche Wundermembrane halten Euch trocken und warm? Alle paar Jahre große Batzen Geld für perforiertes Plastik ausgeben ist unangenehm, aber in den Bergen alternativlos? – Wacht auf, ihr Sklaven der achso mächtigen Ganzkörperkondom-lobby! Hier kommt der metaphorische Kübel Eiswasser in eure PFC-belasteten Gesichter: Die feine Strickware des kleinen non-profit Guerillia-Unternehmens OMama.
Die kleine, aber weltweit vertretene Firma mischt schon seit längerer Zeit weitgehend unbemerkt den Weltmarkt für Outdoorbekleidung auf. Hinter Omama’s knitwear steht ein globales, dezentrales Netz von Mikrovertretungen, meist mit je nur ein bis zwei MitarbeiterInnen (Frauenanteil nach Expertenschätzungen vorbildlich). Angefangen hat das Ganze mit einfachen Bekleidungsstücken wie Socken, Mützen und Schals. Inzwischen kommt man aber auch an immer technischere Artikel wie Midlayer oder Fingerhandschuhe, die den Vergleich mit der großen Konkurrenz nicht mehr scheuen. Der folgende Testbericht beschränkt sich weitgehend auf die Handschuh-Linie von Omama, primär die 2017er Neuerscheinung PERNAT 5.3, ein Dreifinger-Handschuh

Erster Eindruck:
Die Farbgebung der meisten OMama-Erzeugnisse ist im Grunde frei konfigurierbar, aber das braun-hellblau meiner Ausführung wirkt erst einmal sehr knallig; Meine Priorität war in diesem Fall eine schnelle Lieferung, weshalb ich darum bat, statt meiner Wunschfarbe einfach bereits vorrätiges Material zu verstricken. Davon abgesehen wirken aber auch Formgebung und Materialwahl zuerst befremdlich. Die leicht dreieckig zulaufende Spitze des ‚Fäustling‘-teils gibt es so an keinem anderen Handschuh und die 100% Schurwolle lassen sie insgesamt irgendwie labbrig aussehen.


Hands-on (-in)
Der Pernat 5.3 ist in Doppelstrang-Strickweise aus reiner Schurwolle handgefertigt. Diese ist bekanntermaßen nicht der weichste aller Stoffe. Daher empfehlen wir einen vorherigen Test, wie kratzresistent die eigene Haut ist. Weil aber nicht nur die Farbgebung, sondern auch Materialwahl customizable ist, bestellen empfindliche SnowboarderInnen einfach die Merino-Ausführung. Ich habe – wie sich schnell herausstellt – keine Probleme mit der gröberen Schurwolle; Also bleibe ich aufgrund der vermeintlich höheren Belastbarkeit beim Mittel der Wahl des europäischen Urviechs.

Praxistest:
Selten oder nie hat etwas meine Erwartungen dermaßen übertroffen wie diese Handschuhe. Irgendwann mal ein Weihnachtsgeschenk sind die PERNAT 5.3 inzwischen mein zweites (von drei) Paar Vollwoller von OMama. Die Male, an denen sie in den letzten drei Wintern an ihre Grenzen gestoßen sind, kann man an einem Fäustling abzählen. Umgestiegen bin ich von einem dicken alten Reusch Fingerhandschuh aus Pistenzeiten, der aus mehr Tape als irgendwas anderem besteht. Trotzdem sind die Wollhandschuhe aber nicht nur deshalb extrem schnell meine erste Wahl geworden; Sie decken schlicht und ergreifend einen so breiten Einsatzbereich ab, dass man mit konventionellen Produkten mindestens drei verschiedene besitzen müsste, um ähnlich gut aufgestellt zu sein. Vorbei also die Zeiten, in denen man die dünnen Fingerlinge nach schweißtreibendem Aufstieg am Gipfel gegen die Ledergreifer für die Abfahrt tauscht, und dann bei Regen noch die Synthetik-Überzieher aufzieht. Zugegeben, OMama’s Wunderlinge können nicht alles so gut wie die jeweiligen Spezialisten und meine alten Tapefetzen sind im Hochwinter immer für den Notfall dabei, aber eingetreten ist dieser noch nie. Der Clou bei Wolle: Scheiß auf Trocken – Hauptsache warm! Oft stecken meine patschnassen Hände in den fast triefenden Handschuhen; Aber was bei Synthetik zu fiesem Auskühlen führen würde, ist bei Wolle schlicht egal – Es bleibt warm. Noch besser: Sind die Handschuhe außen voller Schnee, schnellt die Wärmeleistung nochmal spürbar nach oben, der Stoff dichtet sich quasi selbst ab. Ohne Schnee dagegen bleibt alles schön offen und luftig, vor Allem bei etwas Fahrtwind kann man die unerreichte Atmungsaktivität hautnah erleben. So habe ich meine Zweifel schnell abgelegt und auch an so manchem Powdertag im Januar bei zweistelligen Minusgraden erstmal die OMamas angezogen – und wenn’s zu kalt wird, einfach die Bratzen in den Schnee und schön versiegeln. Funktioniert, ohne Scheiß.

Nachhaltigkeit und Produktionsethik:
In der Funktion noch vergleichbar, spielen diese Produkte was die Nachhaltigkeit angeht in einer völlig anderen Liga als die etablierte Konkurrenz: Omama’s Produkte sind mit etwas Geschick, Nadel und Faden leicht zu flicken. Und sollte mal eine Masche unwiederbringlich verloren gehen, könnte man theoretisch sogar das Garn wiederverwenden. Außerdem muss man Wolle kaum waschen, meine dreijährigen PERNAT haben noch keine Trommel von innen gesehen. Das spart nicht nur Wasser und Waschmittel, sondern auch CO2 und Diridari. Der Rohstoff wächst, anders als Erdöl und Baumwolle, direkt um die Ecke am nächsten Schaf; und zwar ziemlich unabhängig davon, wo auf dem Globus man gerade Handschuhe braucht. Der/die OMama-VertreterIn vor Ort bemüht sich immer darum, jeweils lokale Ware zu verarbeiten. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist die oft noch unangemessene Bezahlung der ArbeiterInnen. Allzu selten kommt ein richtiger, wasserdichter Kaufvertrag zustande, es herrschen Spezlwirtschaft und „Freundschaftsdienste“. Momentan verkaufen viele StrickerInnen die Früchte ihrer harten Arbeit für nicht viel mehr als die Materialkosten. Manchmal werden die Sachen sogar verschenkt! Mit diesem Testbericht wollen wir unseren Teil dazu beitragen, dass OMama den Wert seiner/ihrer Produkte erkennt und stärker gewertschätzt wird. Alles in Allem lebt diese Marke aber ein völlig alternatives System und beugt sich nicht einfach den bestehenden Marktgesetzten. Das finden wir spitze!
Wir hoffen, alle OMamas können ihre sozialistisch-libertäre Utopie noch sehr lange und erfolgreich ausleben! Denn solche Kleinode der Menschlichkeit sind es, die unsere Welt heutzutage braucht.

Post Scriptum:
Kurz nach Schreiben dieses Artikels gab es zwei bahnbrechende Entwicklungen:
Das Christkind die neueste Neuheit von OMama für mich ergattert. Die PERNAT FLZ 5.2 (2018/19). Die in Doppelgarn gestrickten, gefilzten Fäustlinge fanden schnell den Weg vom unterm Christbaum zu den ersten paar Ausflügen der jungen Skitourensaison. Sie sind nochmal wärmer, wasserresistent und winddichter als ihre ungefilzten Vorgänger. Geniale Teile für kalte, nasse Tage.
UND:
Die rege Korrespondenz mit meiner lokalen OMama hat es mir ermöglicht, einen Kontakt zwischen ihr und einer im Chiemgau angesiedelten Alpaka-Züchterin herzustellen. Sobald also die Verarbeitung der Rohwolle zum Garn unter Dach und Fach ist, dürfen wir und im nächsten Jahr auf die Premiere der ersten OMama-Produktlinie aus 100% Kurzhalsgiraffenwolle (geiles Wort) freuen.

Friends on no-Powder days

Text & Bilder: Jonathan Pietsch

Ende Februar 2017 verabredeten wir, 5 Freunde bekannt aus dem Erasmus in Trondheim, uns zu einer Skitourenwoche in den Alpen. Eine gute Gelegenheit, dachte ich, Tim, Mattl, Goran und Jaume die nördlchen Ostalpen von daheim aus zu zeigen. Unweigerlich verbunden jedoch mit einer gewissen Bringschuld, vor allem dem extra einfliegenden Basken Jaume gegenüber; Die Reisestrapazen wollen angemessen entlohnt werden.
Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Wenig bis kein Schnee von Wien bis zur Westschweiz. Vielleicht hätten wir uns sogar besser in Jaumes Pyrenäen getroffen.
Während ich noch die letzte Klausur bestritt, hatte Tim unsere drei Gäste schon in München eingesammelt und versucht, sie zwei Tage im Heutal und am Geigelstein mit weißer Freude zu bespaßen. Dass er sie nicht wirklich zufrieden stellen konnte, lag aber eher nicht an seiner fehlenden Ortskenntnis meiner Hausberge. Nun – was tun, mit vier schneehungrigen Jungs, die morgen hungrig vor der Tür stehen werden, ungeduldig auf die erste Powderabfahrt wartend? Locker und spontan bleiben – ab in den Süden!
Ziel: Die Hochalmspitze; beziehungsweise der Winterraum der Villacher Hütte.
Wir treffen uns abends in Übersee, wo die Herrschaften ihre bisher luxuriöseste Nacht auf Isomatten in dem Rohbau verbringen dürfen, der zufällig nebenan steht und teilweise meinen Eltern gehört. Mit einer Nacht in einem richtigen Haus hatten sie nicht gerechnet. Etwas staubig vom Estrich machen wir uns nach dem versöhnlichen Frühstück auf den Weg ins Maltatal. Bauchgefühl und Höhenlage versprechen Schnee; auch nicht richtig viel, aber mehr als hier.
Erwartungsvoll schießen wir also in Tims auf Anschlag gepackter Familienkutsche die Tauernautobahn hinunter. Salzburg, Hallein, Werden, Flauchau, Tunnel, Tunnel, Tauerntunnel..
Als wir auf der dunklen Röhre ins gleißende Weiß der Alpensüdseite tauchen, brauchen die Augen einen Augenblick, sich neu zu justieren. Wir werden empfangen von einer märchenhaft glitzernden, metertief verschneiten Winterlandschaft – NICHT. Braune Hänge, grüne Fichten und ab und zu eine weiße Spitze in der Ferne.
Tims Winterreifen sind von vor dem letzten Krieg. Wir müssen das Auto also über die steilsten Stellen der Malta-Hochstraße schieben. Die hauchdünne Neuschneeschicht ist Aufwärmübung und Hoffnung zugleich. Hoffentlich kommen wir bei der Rückreise hier wieder runter, ohne von den Leitplanken Gebrauch zu machen.


Endlich auf unseren Lieblingssportgeräten stehend gehen die ersten paar hundert Höhenmeter auf Forstwegen zügig voran. Eine auf den ersten Blick einladende Schutzhütte veranlasst uns zu einer längeren Pause, in der wir schon den Eingang freischaufeln und Holz sammeln. Wir spielen mit dem Gedanken hier unten zu bleiben, weil wir vorab in der Eile keinen Schlüssel für den Winterrraum weiter oben organisieren konnten. Dort stünde uns, sollte niemand anders zugegen sein – und danach sieht es aus – nur das wahrscheinlich sehr spartanische Notlager zur Verfügung. Die unverschlossene Hütte hier unten stellt sich aber von Innen als löchrige Ruine heraus. Wir gehen also doch noch weiter zur Villacher Hütte und versuchen unser Glück. Die Dämmerung setzt schon ein als wir zufällig quasi an die Schwelle rempeln. Glück gehabt, das Weg- und Spurlose Gelände hätte uns genauso gut an der Hütte vorbei führen können, dann wären wir noch einige Zeit herumgeirrt. Das Unglück im Glück folgt natürlich auf den Fuß – das Schlüsselproblem. Tim rackert sich mit allen möglischen Gegenständen ab, die Normalsterbliche für alles möglich benutzen, außer als Schlüssel. Dementsprechend bleibt uns der Winterraum verwehrt. Das Notlager ist eine Doppelbettmatratze (Anm. d.Red. Jonathan ist aktuell frisch verliebt und hält 1,40m für eine Doppelmatraze) im Verschlag an der Rückseite der Hütte, aber immerhin ist es nicht weit zum Plumpsklo. Die Liegefläche ist schnell vom Mäusekot befreit und mit Decken ausgelegt, die Eingangsöffnung wird mit einer Schaummatte verhängt. Warm wird’s trotzdem beim ‚Abendessen im Bett‘. In Sardinenanordnung kann ohne Frostbeulen durchgeschlafen werden, bis die Bude morgens von außen erwärmt wird. Wir sind fast fertig mit aufräumen und Frühstück als zwei Tourer von unten kommen und den Winterraum aufsperren. Das haben wir also verpasst. Eine fein eingerichtete, blitzsaubere Stube, mit allem, was man braucht (Merkzettel!)
Jetzt geht es endlich Richtung Hochalmspitze. Die Landschaft wird schnell alpiner, von der kluftigen, steinernes-meer-artigen Umgebung der Hütte geht es auf offenere, steilere Hänge. Wir schlüpfen durch ein paar windgeformte Skulpturen, auf denen man surfen möchte und stehen bald vor dem riesigen, weiten, welllig ansteigenden Gipfelhang. Das Kartenmaterial zeigt ab hier mal mehr, mal weniger Gletscher an, je nach Quelle. Von Eis (und damit Spalten) ist nichts zu sehen, es liegt eine ordentliche Schicht Pulver (yes!)
Die beiden Hüttenschlüsselbesitzer sind vorhin schon an uns vorbeigezogen und sind ohne Unterbrechung weitergegangen. Scheinbar doch eher nur nur noch ein Firnfeld, als ein Gletscher? Wir verlassen uns auf die Expertise der Locals.
Der Föhnsturm, der uns jetzt mit jedem Meter Höhe stärker entgegenweht, sorgt am Ende für den Verzicht aufs Gipfelglück. Stattdessen Fellen wir an einer schützenden Felswand ab, machen kurz Brotzeit und warten auf Mattl, der einige extra Ziegelsteine zum Training dabei hatte, oder zumindest ein volles Packerl schlechte Ausreden. Die Abfahrt im Gipfelhang macht Riesenspaß und auch bis zur Hütte zurück und darunter finden wir Stellen, für die sich die Anreise gelohnt hat. Am witzigsten sind aber definitiv Tims Sturzeinlagen – ersteht zum ersten Mal seit seiner Kindheit auf Skiern. Ein Brett mehr am Geläuf überfordert ihn anscheinend.
Wir würden gerne noch eine Nacht in Lager verbringen, haben aber leider keinen Proviant mehr dabei. Also geht’s erstmal zurück heim, ohne befürchtete Zwischenfälle mit Leitplanken, wohlgemerkt.
Mittels digitaler Helferchen und eines ganz analogen Insidertipps rückt daheim schnell ein neues Ziel in den Fokus. In einem einschlägig bekannten Tal bei Kitzbühel soll man noch ein gutes Schneefundament finden, heißts. Mal wieder ein Iglu oder eine Schneehöhle? Der Gedanke ist gedacht, es gibt kein zurück.


Angekommen am schon hoch gelegenen Parkplatz nehmen wir dann doch lieber die Zelte mit. Seit Tagen schmlizt der Schnee im Föhn dahin, aber wenigstens kann man noch auf Ski starten. Oben im Talschluss ist nach einiger Schlepperei schnell ein schönes Plätzchen zwischen alten Tannen gefunden. Eine kurze, erleichterte Mittagstour – durch den Sturm wieder ohne Gipfel – schieben wir noch ein, dann geht die Schaufelarbeit los. Fertig mit den schön ebenen Terassen für die Zelte beginnen wir sogleich mit dem Wohnbereich; Eine Eckbank, Durchreiche zur Küche und ein fahrbarer, vom Kubismus inspirierter Tisch wollen aus den Schneehaufen gepellt werden. In T-shirts bei Föhn geht alles leicht von der Hand. Eine Abendausfahrt im weichen und doch harten Schnee und viel Flüssigkeit runden den Abend ab. Wir ziehen uns in die Zelte, Goran in seine selbstverordnete Survival-biwakmulde zurück und schlafen den Schwips aus. Ein bisschen froh, dass uns im morgengrauen kein Jäger erlegt hat, endet der letzte Gemeinsame Tag, mit einem letzten Aufstieg zu – wieder keinem Gipfel. Der Sturm hat seinen Höhepunkt erreicht und weht oben meinen offenen Rucksack den Gipfelhang runter. Mit freundlicher (=gehässiger) Unterstützung der Anderen ist alles schnell wieder eingesammelt und weil der Powder ja mit Abwesenheit glänzt, findet sich auch alles wieder.
Es war eine lustige Woche mit dem „carussel deportivo“ und ich freue mich auf eine baldige Wiederholung in Selber Konstellation. Dafür würde ich sogar den ein oder anderen Powder-day opfern.

#Expedalition – das Video zur Tour

Zur Veröffentlichung unseres Artikels im DAV-Panorama freuen wir uns dir das Video zur Expedalition präsentieren zu dürfen.Auf Instagram findest du unter #Expedalition auch noch mehr Bilder zur Tour.

Vielen Dank geht an die Redaktion des Panoramas für das entgegengebrachte Vertrauen und, dass uns als Newcomer so viel Platz eingeräumt wurde.

Falls du Fragen zu einer Tour hast, freuen wir uns über Kommentare.

#expedalition a skitouring trip by bike from raus-hier.de on Vimeo.

Winter auf den Lofoten

Mit dem Zelt in die Polarnacht

Die Lofoten kennen viele nur im Sommer. Durchgehendes Tageslicht, warmer, trockener Fels, Badebuchten und ausreichend Touristenströme. Aber wie ist es dort im Winter? Um das zu erleben, packe ich im Januar 2014 meinen Rucksack und fliege nach Oslo. Dort steige ich in den Zug nach Bodö in Nordnorwegen. Zwischen gelegentlichem Wegnicken mit viel zu kurzen Schlafphasen ergeben sich Gespräche mit mitreisenden Skiwanderern, Verwandtenbesuchern und Konzertmusikerinnen, die die 17stündige Zugfahrt doch irgendwann zu Ende gehen lassen. Draußen zieht derweil die dunkle, tief verschneite Landschaft vorbei, und den Polarkreis überqueren wir ohne weiteres Aufhebens.


In Bodö angekommen, mache ich zunächst zwei Tage Urlaub in der Stadt. Ein Bummel durch das kleine Einkaufszentrum, ein Spaziergang am Hafen und Kaffee aus Pappbechern an der Tanke geben mir das gute Gefühl, wieder auf Reisen zu sein. Mein Ziel aber sind die Berge der Lofoten, die sich weit draußen auf dem Meer am Horizont abzeichnen. Während der dreistündigen Schifffahrt zu den Inseln bricht die lange Nacht herein, und als ich um 16 Uhr die Lofoten erreiche, ist es stockdunkel. Zu Fuß gehe ich eine gute Stunde zum Dörfchen Å ganz im Süden der Inselgruppe. Am Ortsrand schlage ich mein Zelt auf.

Der nächste Tag bringt klaren Himmel. Um zehn Uhr wird es hell und ich bin überrascht, wie wenig Schnee in den Bergen liegt. Bei minus acht Grad mache ich Frühstück – Müsli mit warmem Wasser und Pulverkaffee – und erkunde die Küste und das Dorf. Eine Tagestour mit leichtem Gepäck in den umliegenden Bergen lässt mich auch innerlich ankommen.

Es zieht mich weiter. Ich möchte auf die unbewohnte Westseite der Lofoten und habe mir dafür auch schon einen Platz ausgewählt, der mein Basislager für weitere Bergbesteigungen sein soll: Die Bucht Kvalvika nahe des Dorfes Fredvang. Am Morgen um acht Uhr steige ich in den Bus. „Hei hei“, begrüßt mich Lisa, die ich am Tage zuvor im Dorf kennen gelernt habe. Es entsteht eine gute Unterhaltung zwischen uns beiden einzigen Fahrgästen und der Fahrerin. Die beiden kennen sich natürlich. An der Abzweigung Fredvang verabschiede ich mich und gehe zu Fuß weiter Richtung Westküste.

Bald ist der Aufstieg über den Sattel zur Kvalvikabucht erreicht. Steil geht es bergauf, hinüber auf die Westseite der Insel. Auch hier liegt kaum Schnee. Die wenigen kleinen Bäche sind bis auf den Grund gefroren. Am Sattel ist der Blick überwältigend. Weit im Osten sind ganz schwach die Berge des norwegischen Festlands auszumachen, im Westen das Polarmeer, das sich von hier aus bis nach Grönland erstreckt, dazwischen die steilen Berge der Lofoten. Die tief stehende Mittagssonne taucht die ganze Szenerie in ein Wechselbad aus Licht und Schatten.


Kurz vor Einbruch der langen Nacht erreiche ich die Bucht und schlage mein Zelt auf. Ich möchte kochen, aber es gibt keinen Schnee zu schmelzen. Die zu Eis erstarrten Bäche sind so hart, dass sich nicht einmal Stücke davon herausschlagen lassen. Ein paar wenige Eissplitter sind die einzige Ausbeute meiner Bemühungen. Und direkt vor mir liegt eine der größten Wasserflächen der Erde. Bei Dunkelheit steige ich ins Steilgelände und suche nach Eiszapfen. Sie werden mein Wasservorrat der nächsten Tage sein. Nach einem ausgedehnten Abendessen mache ich mich noch auf zu einem langen Strandspaziergang. Der Himmel ist übersät mit strahlenden Sternen, die Berge zeichnen sich tiefschwarz davor ab. Das Meer schäumt auf und untermalt dieses wunderschöne Panorama mit einem kräftigen Rauschen. Gerade als ich ins Zelt will, hellt der Himmel auf und schenkt mir noch einen atemberaubenden Anblick: Im Westen ziehen Polarlichter übers Meer, werden immer größer und intensiver. Heute hatte ich vier Stunden Tageslicht, und doch war es ein voller, langer Tag.

Für die nächsten acht Tage ist die Bucht mein Zuhause. Fast täglich unternehme ich Touren auf die umliegenden Berge. Die Stimmung, die Ruhe an den Gipfeln und die fantastische Aussicht ist alleine schon die Reise wert. Manchen Tag verbringe ich aber auch mit Spaziergängen am Sandstrand, schaue lange auf die Wellen oder besuche die Mauerreste der vier kleinen Häuser, die Wikinger hier vor 750 Jahren bauten. Eine Familie lebte hier und es fällt mir leicht, mir vorzustellen, wie ihr Schiff an diesem Strand lag, wie sie Wasser aus diesem Bach holten und vielleicht ebenso wie ich genau hier aufs Meer und in den Nordlichthimmel schauten. In meinem Alleinsein treibe ich in die Zeitlosigkeit und genieße es.

Mein Freund Thomas Salamon hat sich angesagt. Wir machten aus, dass ich ihn in Moskenes an der Fähre abhole. Ich freue mich schon auf ihn, packe meinen Rucksack und mache mich wieder auf den Weg zur Bushaltestelle an der E10. Im Dorf Fredvang treffe ich zwei alte Norweger, die mich gleich ansprechen. „Eine Woche warst du in der Bucht? Mit dem Zelt? Cool! Vor einiger Zeit haben zwei Norweger einige Monate lang in der Bucht gelebt, bauten sich eine kleine Hütte und haben im Meer gesurft.“ Ich habe von den Jungs auf einem Filmfestival gehört, wusste aber nicht, dass sie genau hier waren. Ich schmiede den Plan, mit Thomas wieder hierher zu gehen und ihn mit der Surferhütte zu überraschen. Sie liegt wohl sehr versteckt zwischen den Felsen, aber wir werden sie schon finden. Der Bus kommt und die Fahrerin begrüßt mich herzlich. Wir kennen uns ja schon. In der Nacht um 21 Uhr in Å angekommen, fragt sie mich: „Was machst du jetzt, wo gehst du jetzt hin?“ „Ich weiß nicht, ich werde wohl da hinten mein Zelt aufschlagen“, sage ich. „Warte mal“, antwortet sie und geht zu einem Mann, der gerade ein Paket aus dem Bus auslädt. Kurze Zeit später winken mich beide zu sich. „Ich hab ein Haus für dich, steig ein!“ strahlt der Mann mich an. Ohne zu Zögern werfe ich meinen Rucksack in seinen Lieferwagen und lasse mich durch die Nacht chauffieren. Ich kann es kaum glauben: Ein beheiztes Haus am Meer mit Wohnzimmer, Kochbereich, Bad, Schlafzimmer – für mich! Es ist OK für ihn, wenn ich auch morgen Abend mit Thomas noch mal im Haus bleibe.

Am nächsten Abend stehe ich in Moskenes am Fähranleger und begrüße Thomas. Wir wandern durch die Nacht. Er stellt sich auf eine Zeltnacht ein und schaut nicht schlecht, als ich ihm unsere Luxusunterkunft präsentiere. Eine Nachtwanderung führt uns über den zugefrorenen See Agvatnet. Der Himmel ist voll von intensivem Nordlicht, wohin wir auch schauen. Erst um vier Uhr am Morgen gehen wir zurück zum Haus, um acht sitzen wir schon wieder im Bus.


In der Nacht hat es geschneit und die Landschaft sieht jetzt standesgemäß nach norwegischer Winterlandschaft aus. An der Abzweigung nach Fredvang hält gleich ein Fischer und nimmt uns mit ins Dorf. Von dort aus gehen wir zu Fuß. Die Route über den Pass führt zum Teil über verschneite Blankeisplatten und wir atmen auf, als wir die Bucht erreichen. Die Nacht bricht herein, aber wir machen uns noch auf die Suche nach der Surferhütte. Zwischen Geröllfelsen entdecken wir eine runde Holztüre mit einem Fenster aus einer Waschmaschinentüre, die in eine Mischung aus Hütte und Erdhöhle führt. Das ist sie! Ein freundlicher Brief der norwegischen Erbauer lädt ein, alles mit Respekt zu behandeln, es aber nach Gutdünken zu nutzen. Beide Vorgaben erfüllen wir mit Bravour.

Unsere folgenden Tage verbringen wir ähnlich wie ich die meinen eine Woche zuvor, und doch unterscheiden sich die beiden Wochen sehr voneinander. Das Zusammensein mit Thomas, die Nächte in der Hütte, der Schnee machen die Tage am selben Ort zu einer ganz anderen Zeit, die ich aber genauso genieße.

Das Ende unserer Reise naht. Wir packen die Rucksäcke und hinterlassen als Obolus eine große Gaskartusche und einen großen Pack Batterien samt einer kurzen Nachricht in der Hütte. Mögen unsere Nachfolger sich darüber freuen. Noch einmal überqueren wir den Pass und wandern zur E10. Der Bus bringt uns zum Fähranleger nach Moskenes. Mit einem äußerst gesunden Appetit räumen wir die Regale im kleinen Supermarkt leer. So verbringen wir unsere letzte Nacht auf den Lofoten vor dem Zelt bei einem pompösen Abendessen.

Die Fähre bringt uns wieder ans Festland nach Bodö, der Zug braucht immer noch 17 Stunden nach Oslo, und vier Stunden später stehen wir wieder in Bergklamotten mit großen Rucksäcken in Stuttgart am Flughafen.

Packraften auf der Isar

Chaos nur Chaos.
Steffen und ich sind irgendwie auf das Thema Packraften zu sprechen gekommen. Irgendwann war dann die Zeit gekommen das Ganze auszuprobieren. Schlussendlich furen wir mit dem Zug nach Mittenwald und wollten die klassische Packraft Tour machen. Von Mittenwald über die Birkarspitze und dann die Isar runter. Aber irgendwie kam alles anders. Im Nebel sind wir dann, vor lauter schwätzen, falsch abgestiegen und Flußabwärts von Mittenwald rausgekommen. Daraufhin haben wir uns kurzerhand ein Taxi gegönnt und sind von Scharnitz ins Isartal hoch gelaufen. Schlussendlich sind wir am dritten Tag die Isar dann fast vom Ursprung bis Mittenwald gerutscht und gefahren.

Alles in allem super Boote. Wir waren über die Robustheit der Badewannen echt überrascht.

Tourpunkte:
Mittenwald-Karwendelbahn-Dammkar-Hochland Hütte-Wörnerlahne-Ochsenalm-Mittenwald-Scharnitz-Isar Ursprung-Mittenwald

Topeak-Journey im Test

Topeak Journey
Bei dem Topeak Journey handelt es sich um einen Einspuranhänger aus Aluminium. Der Boden besteht aus 4 Streben und einer PE-Platte. Das Gewicht liegt bei leichten 4,5kg. Zudem ist im Lieferumfang noch ein Drybag und ein Hinterradschutzblech enthalten. Wir haben den Anhänger auf unserer #Expedalition auf 600km im Winter in Norwegen mit Salz und Sand auf der Straße mit mehr als 40 kg (erlaubt sind 32) Beladung nicht kaputt bekommen.

Die Fahrstabilität mit Anhänger ist großartig. Aufgrund des niedrigen Schwerpunktes fährt sich Fahrrad weiterhin angenehm und tatsächlich auch agiler als mit Packtaschen. In den Wiegetritt lässt sich auch mit Anhänger (eingeschränkt) fahren. In diesem Fall entwickeln sich aber Torsionsbelastungen über das ganze Fahrrad, deren Kräfte ich nicht berechnen will.
Die Anhängerkupplung schnalzt sehr leicht zu und aufgrund des Systems ist der Anhänger in 2 Sekunden abgehängt. Dies hat den Vorteil, beim Umsteigen mit der Bahn den Anhänger schnell anhängen zu können und über den Bahnsteig zu düsen. Also funktioniert alles wie es soll und auch nach ein paar Wochen mit Salz und Sand auf der Straße.

Nun aber zu den Schwächen: Unserer Meinung nach sind am Drybag die Steckschließen etwas zu weit unten angebracht, was ein Gefummele beim Schließen ist. Drybags sind lediglich „Dry“ wenn man diese 3-Mal rollt, was wir ausprobiert haben und sich tatsächlich bewahrheitet hat. Zur Sicherheit haben wir die Anhänger immer auf die Seite gelegt, wenn wir gezeltet haben. Solange sich keine Pfütze auf dem Anhänger bildet, bleibt der Inhalt aber auch bei „ungewickelter“ Tasche trocken; Aber: Nicht Umsonst gelten sogenannte „Drybags“ nicht als unterwasserdicht.

Außerdem haben sich die „Füße“ aus Gummi recht schnell verabschiedet, die Befestigungsschrauben sollte man gleich nach dem Kauf anziehen (evtl. zusätzlich festkleben) oder Klebeband drumherum wickeln. Ein kleines, vermeintlich unwichtiges Detail, aber sehr ärgerlich, wenn der Verlust nicht sofort auffällt. Die Funktion schränkt das natürlich nicht ein, aber das Abstellen von Alu auf Asphalt hört sich nicht sehr förderlich für die Lebensdauer des Rahmens an.

Was fehlt: Der Anhänger ist nicht selbststehend (Wer einen selbststehenden Einspuranhänger kennt, der melde sich bitte) und Bergauf muss man ihn trotzdem ziehen.

Auch wenn uns der direkte Vergleich zu ähnlichen Einspur-Anhängern fehlt, hier unser Fazit:
Leichter, robuster und gut verarbeiteter Alu-Anhänger, den wir uns sofort leisten würden, hätten wir gute 400€ auf der hohen Kante. Für Weltreisen ist er vielleicht nichts, da man ihn nicht schweißen kann. Wer allerdings einen Alu-Rahmen am Fahrrad hat, besitzt keinen Grund sich einen Stahlanhänger zu kaufen. Gewichtstechnisch lohnt es sich den Anhänger auch mal mit einem klassischen Packtaschen-System zu vergleichen. Mit unseren rund 40kg Beladung hat sich der Anhänger besser gefahren als mein Packtaschensystem letzten Sommer mit deutlich weniger Gewicht (rund 15kg). Für Chaoten wie uns hat der Anhänger auch noch einen bestechlichen Vorteil. Es handelt sich um eine riesige Reistasche in die sich das gesamte Geraffel rein pfeffern lässt und nerviges austarieren fällt auch komplett weg.

Nachtrag: Ich habe meinen Anhänger an einen Kumpel ausgeliehen. Er hat in 1500km durch Frankreich an einem Singlespeed Fahrrad gezogen, Schäden hat auch er keine erzeugt.

Galdhøppigen- oder teuerste Skitour aller Zeiten

Es gibt Dinge, die muss man eben machen. Wenn man für längere Zeit in Norwegen wohnt, dann muss man auch auf den Galdhøpiggen, den höchsten Berg Norwegens. Auf dem Hinweg werden wir zu einem teuren Boxenstop gezwungen. Es ist ja auch eine durchaus strafbare Handlung, mit 72 km/h am 60 km/h Schild auf der Autobahn vorbei zu fahren. 300 Euro und ein paar ungläubig dreinschauende Gesichter später ist es dann eh zu spät. Nach einer Stunde steigt die Laune wieder. Dumm gelaufen – ist jetzt halt so.

Zum Galdhøpiggen führt eine „Mautstraße“ für die man um diese Jahreszeit keine Maut zahlt und das Wort „Straße“ leicht übertrieben ist. Nach einigen Kehren, Schweißtropfen und Beten, der gute Audi 80 möge uns zum Ziel bringen, stellen wir das Auto ab und suchen einen Schlafplatz. Aus Respekt vor dem norwegischen Staate stellen wir am Abend die Zelte 100 abgezählte Meter entfernt von der Straße auf.

Am nächsten Morgen fahren wir erst noch ein Stück auf der Schotterstraße, bis eine Schranke uns aufhält. Wohl oder übel müssen dann die Ski doch noch getragen werden.
Der Aufstieg gestaltet sich etwas kompliziert. Es ist schon Mitte Mai und der Harsch ist komplett hart. Zudem ist es noch Nebelig und kalt, was ein auffirnen verhindert. Während die Skifahrer auf ihren Kanten gut queren können, muss ich als Splitboarder auf Steigeisen wechseln. Nach 1700hm stehen wir dann endlich auf dem höchsten Punkt Norwegens. Vom Gipfel sieht man durch die dünnen Nebelschwaden viele spannende Couloirs, riesige Eisebenen und schroffe Gipfel herausschimmern, welche bestimmt für mehr als einen Pfingsturlaub interessant werden können.
Die Abfahrt gestaltet sich schwierig auf dem festen, verblasenen Untergrund, der weiter unten nahtlos in Sumpf übergeht. Aber dies tut der Stimmung keinen Abbruch.
Wir hatten bessere Tage in Norwegen, aber der Höchste muss einfach sein.

Nach einer weiteren Nacht besteigen wir noch den Loftet und fahren wieder heim.

Text: Tim Steffinger
Bilder: Jonathan Pietsch & Tim Steffinger

#Expedalition- Eine Skitourentrip mit dem Rad

20 Grad, leichte Brise, T-shirtwetter. Wir sitzen Ende März auf der Terrasse und sollten packen. Vor dem dritten Radler holen wir beim nächsten Bikeladen Pappkartons. Wir haben uns in weiser Voraussicht den ganzen Tag Zeit genommen, um die Ausrüstung flugfähig zu machen. Was hat uns eigentlich geritten? – denke ich mir als wir in München mit zwei Radboxen, zwei Anhängern und in Plane eingewickelten Ski am Flughafen stehen. Fahrräder als Transportmittel für drei Wochen Skitouren in Nordnorwegen. Übernachten im Zelt. April. Für die Allermeisten ein Vorhaben zwischen gewagt und undenkbar – sicher kein entspannender Urlaub. Für uns? Mal sehen.

„Bei so einer Aktion ist das Glück nachher größer als die Vorfreude, jetzt hab ich eher noch Bammel“

Irgendwann vor einem Jahr im Auslandssemester in Trondheim kam uns die Idee. Wie geht man auf Skitour ohne Auto? Versierte Fahrradfahrer sind wir schon länger; Auch für die ein oder andere Tagestour haben wir uns schon den Zustieg mit dem Rad erleichtert. Es dauerte dann noch eine Weile bis wir Nägeln mit Köpfen machten und um Weihnachten die Flüge buchten. Danach überlegten wir uns, wie wir Skitourenausrüstung und Wintercampingsachen auf dem Fahrrad transportieren. Irgendwann standen dann auch zwei Fahrradanhänger bereit – der Grundstein war gelegt und zurück ging nicht mehr.

In Bodo am Flughafen sind alle 5 Gepäckstücke durchgekommen. Wir bauen am nächsten Morgen die Räder auf und gewöhnen uns an die Fahrt mit den Trailern. Bis wir alles austarieren und Ski, Schuhe & Stöcke bestmöglich platzieren dauert es eine Weile. Das endgültige ‚Setup‘ wird erst nach einigen Tagen Einsatz gefunden sein. Wir kleben die Trailer noch mit Klebeband ab, um sie vor den Skikanten zu schützen.

Dann geht es mit der Autofähre auf die Lofoten. Die recht extensive Planung sieht vor, die Lofoten von West nach (Nord-)Ost zu durchqueren. Der Vollständigkeit halber fahren wir also vom Hafen nach Å, was der Westspitze der Lofoten am nächsten liegt und schlafen dort. Ab hier sind wir auch schon mittendrin. Am ersten Fahrradtag besteigen wir den Ryten bei Fredvang. Unser Ziel ist es jeden Tag mit gutem Wetter zu nutzen. Bis uns das Wetter unterbricht fahren wir bis Leknes und gehen täglich eine Skitour. Mich (J) erreicht ein kurzes Video von Zuhause; Im Ofen brutzelt ein Schweinebraten, die Kruste schnalzt und aus dem Off hört man ein bewunderndes Lachen und ein freudiges ‚Hurraa!‘. Meine zugegeben etwas gehässige Antwort ist ein kurzes Gipfelpanorama des Stornappstinden – das wohl schönste meines bisherigen Lebens. Unsere dämlich grinsenden Gesichter strahlen in der Sonne während wir eine noch unbefahrene Südrinne abfahren. Abends gibt es, wie immer, Couscous mit Konservengemüse.

Tricky auf den Lofoten sind für Radfahrer die Tunnel. Da in Nordnorwegen die meisten Autos mit Spikes ausgerüstet sind, sind sie ungeheuer staubig. Die Inseln Flakstad und Vestvåg sind nicht durch eine Brücke, sondern einen solchen Tunnel verbunden, bei dem zusätzlich noch Höhenmeter zurück über die Wasserlinie zu überwinden sind. Es knirscht zwischen den Zähnen wie nach einem Beachvolleyballmatch und wir sind sicher, wir haben beim Rauskeuchen ein paar Lebensjahre in unsere neuen Staublungen investiert.

Den ersten größeren Schlechtwetterblock verbringen wir an einem Campingplatz nahe Leknes. Schon letztes Jahr haben wir hier bei unserem Roadtrip Schlechtwetter in einem kleinen roten Holzhüttchen abgesessen. Diesmal wird es die erste von nur zwei festen Schlafstätten unserer Reise bleiben. Nach zwei Tagen fliegen wir aus einem uns unbekannten Grund am späten Nachmittag vom Campingplatz und machen uns auf Richtung Svolvaer. Das Wetterkarma ist uns wohlgesonnen und schickt die Sonne zu uns raus – hah, danke fürs Ärsche hochziehen, launischer Campingplatzbesitzer. Wir radeln an einem einsamen Küstenabschnitt entlang, vorbei am tags zuvor bestiegenen Justadtinden und genießen die großartige Landschaft. Abends zelten wir am Meer.

Tags drauf gehen wir auf den Botntinden (711 m. ü. NN). Wir unterhalten uns dort mit einem Deutschen, der vor 15 Jahren aus Deutschland auswanderte. Er gibt uns noch Tipps wie wir am besten diesen Berg besteigen, es gilt nämlich einen nicht ganz kleinen Schmelzwasserbach zu überqueren. Zusätzlich liefert das norwegische Wetter die üblichen Kapriolen: Sonne, Regen und Schnee innerhalb einer Stunde. Die Abfahrt durch exzellentes Gelände wird ein bisschen von diffusem Licht und nicht ganz optimalem Schnee getrübt. Abends kommen wir geschaffter als bisher am Dumpster in Kabelvåg an und treffen dort zwei gleichgesinnte einheimische Mädels. Sie weisen uns auf die Frage nach einem schönen Plätzchen fürs Zelt zum Gelände des örtlichen Waldkindergartens. Dort können wir bei Windstille angenehm Zelten, unsere Sachen im Planenverschlag trocknen und sogar unser Geschäft im Freiluftklo mal wieder gemütlich sitzend verrichten.
Am nächsten Tag geht es auf den Blåtinden bei Svolvaer. Der vielleicht meistbestiegene Skitourenberg der Lofoten und Hausberg von Svolvaer. Wir besteigen diesen über den Nordhang. Jonathan muss die Ski abschnallen, da es steil und eisig ist. Über den Grat gelangen wir dann bei Windstille auf den Gipfel. Außer uns ist – warum auch immer – niemand anderes unterwegs.
Wir übernachten am Strand. Am folgenden Morgen genießen wir ausgiebig die Sonne bis wir Richtung Geitgallen (Groß und mächtig, schicksalsträchtig) aufbrechen. Wir steigen bei Neuschnee auf. Gestern war der meistbegangene, heute der bekannteste Berg der Inseln dran. Ungleich höher, alpiner und mächtiger – dadurch aber auch seltener möglich. Im Schneegestöber eines Schauers müssen wir auf den letzten Metern abrechen, da wir weder Pickel noch Steigeisen dabei haben, ohne die das steile Firnfeld ganz oben schnell ungemütlich werden kann. In der Abfahrt gibt es dann kein Halten mehr: frischer Powder und ideales Gelände so geil, dass wir vergessen, Bilder zu machen. Nach der Abfahrt fängt es wieder an zu schneien.

An den folgenden Tagen ist erstmal die Luft raus. Wir verbringen zwei Nächte im Regen auf dem Campingplatz Sandsletta. Jonathan hat im Dumpsterlotto verloren und kotzt in der ersten Nacht aus dem Zelt. Hoffentlich keine Grippe. An Tag zwei geht’s dann schon wieder besser und die Speicher können wieder gefüllt werden – puh, nur eine Magenverstimmung. Von anderen Skitourern bekommen wir einen Tipp, der uns aus der Lethargie reißt: Wenig weiter am Fjord befindet sich eine Schutzhütte für Radfahrer, Skifahrer und Surfer. Wir verlassen dafür bei Regen den Campingplatz. Die rundum verglaste Schutzhütte am Strand bietet Unterschlupf und wir werden von den später eintrudelnden Tippgebern zu Ratatouille und Fisch eingeladen. Ein wohltuendes Mahl nach tagelangen Couscous-Sessions. Dazu gibt’s Bier und Tequila. Wir steuern noch unseren Gipfelschnaps bei und einem feuchtfröhlichen Abend unter Gleichge(un)sinnten steht nichts mehr im Wege.

Nach Ende des Regens verlassen wir die Lofoten mit der Fähre via Fiskebol-Melbu. Von nun an befinden wir uns geographisch auf den Ofoten und die Landschaft verändert sich. Die Berge werden größer und weniger schroff, aber nicht weniger Imposant. Nach Tagen der Abstinenz gehen wir auch endlich wieder eine Skitour. Powder im Gipfelhang und pistenartiger Harsch ohne Bruch im Mittelteil, mit grandiosen Blick zurück auf die Lofoten.

Dann passiert es und wir erleiden unseren ersten Platten. Nach dem Flicken bricht uns auch noch das Ventil, sodass wir unseren Ersatzschlauch verbrauchen müssen. Der Riss im Mantel wird natürlich fachgerecht mit Gaffatape geflickt. Die nachmittägliche Tour führt wegen der Verzögerung und des unterschätzten Gipfelgrades nicht bis zum Gipfel.

Wie schon am Vortag sind wir auch bei der zweiten Tour Nahe Flesnes allein. Jetzt müssen wir sogar Spurarbeit leisten, da diese Gegend wenig touristisch geprägt ist. Am Titinden bläst es uns im Aufstieg fast vom Rücken. Hinter der Gipfelwechte herscht jedoch absolute Windstille. Wir sitzen in der Sonne und genießen die Wärme. Es ist schön ab und an einfach nicht zu frösteln. Nach einer weiteren Nacht in freier Wildbahn genehmigen wir uns mal wieder eine Dusche. Auf dem Campingplatz lassen wir uns bei bestem Wetter die Sonne auf den Pelz scheinen und brechen das erste Mal unsere Regel und gehen keine Skitour an einem guten Tag. Die Wettervorhersage sagt schlechtes Wetter voraus. Uns bleiben noch zwei gute Tage um nach Narvik zu kommen. Allerdings liegen da noch 130 km mit dem Rad vor uns und ein hübscher Berg muss auf dem Weg noch angemessen begutachtet werden. Das Begutachten lohnt sich ziemlich. Wir bekommen nochmal eine ordentliche Ladung Powder ab, allerdings sind wir beide so im Unterzucker, dass wir mal wieder vergessen Bilder zu machen. Schlussendlich übernachten wir nach zwei harten Tagen (130km Rad 1100hm Skitour 1700hm Rad) am Strand vor Narvik. Wir genehmigen uns ein Bad im arktischen Meer; An dieser Stelle wollte einer der Autoren beim texten unterschlagen, dass dafür viel Überzeugungsarbeit des anderen Autoren von Nöten war (Anm. d. Red.). Am nächsten Tag beenden wir unseren Trip nach 18 reinen Tourtagen, 620km und ca. 6500hm auf dem Fahrrad und noch etwas mehr auf Ski.

Wir nehmen den Bus zurück nach Bodø wo wir auf dem Campingplatz unseren Flug abwarten und während einem Schönwetterfenster noch zu einer letzten Skitour aufbrechen. Nach einer finalen, spaßigen Abfahrt können wir zurück am Parkplatz gerade noch einen Polizeieinsatz abblasen. Ein besorgter Bürger wollte diesen starten, nachdem er unsere Räder, Hänger und zum Trocknen aufgehängte Schuhe und Kleidung bemerkt hatte. Er macht uns einen Vorwurf, wir hätten eine Notiz hinterlassen sollen. Wir zeigen Verständnis, er gibt der Pozilei telefonisch den Fehlalarm durch und zieht von dannen. Zu allem Überfluss zeigt uns der kajakfahrende Ungar am Campingplatz in Bodo einen Tag später ein Bild von der riesigen Wechte an ebendiesem Berg, die offenbar kollabiert ist, eine Nacht nachdem wir unsere Kurven unter ihr zogen. Eine sehr kleine, aber nicht ungefährliche Lawine. Das stimmt nachdenklich, vielleicht waren wir da zu unvorsichtig, nach dem Motto:

„Die letzte Tour, kein steiles Gelände, passiert schon nix“(J)

Aber nach reichlich Reflexion war es ein logischer, unterhaltsamer und damit lohnender letzter Ausflug.

Unterm Strich: Alles hat überraschend gut funktioniert. Wir haben kein Fahrrad oder Ski kaputt gemacht, alle Zehen sind noch dran; Köpfe auch (was nicht bedeutet, dass sie durch die viele Frischluft jetzt mehr denken).
Es war ein toller, lehrreicher, berauschender, vielleicht bewusstseins-, auf jeden Fall sinneserweiternder Trip! Wir sind zu Dankbarkeit verpflichtet, so einen Scheiß machen zu können. Ein besonderer Dank geht hier natürlich auch an unsere Sponsoren Topeak, Ergon und Julbo ohne euch wäre dieser Trip noch chaotischer geworden.

Fotos & Text von Jonathan Pietsch & Tim Steffinger

Vier Tour-de-France-Pässe an drei Tagen

Ein paar Tage Zeit und Bock auf Radfahren. Also die Räder aufs Autodach, Zelt und Schlafsäcke rein und ab in die französischen Alpen. Wenn das Wetter mitmacht, könnte es in der Zeit gerade hinhauen mit Col d’Izoard, Alpe d’Huez und über den Col du Télégraphe zum Col du Galibier.

Mit dem Auto fahren wir nach L’Argentière la Bessée auf 950 Meter Höhe, unserem Startpunkt zum Col d’Izoard. Endlich sitzen wir auf dem Rad. Zum Einrollen ist das flache Stück nach Briançon perfekt. Hinter Cerviéres schraubt sich die Straße hinauf auf 2360 Meter Höhe. In superschönen Serpentinen windet sie sich zum Col d’Izoard, und so sind die 1400 Höhenmeter bald geschafft. Wie so oft bei Alpenpässen, empfängt uns auf der anderen Seite eine völlig andere Landschaft. Die schmale Abfahrt nach Guillestre führt durch ein felsiges Tal durch urige, kleine Tunnel. Wer jetzt noch Kraft hat, dem empfehlen wir für den Rückweg nach L’Argentière la Bessée die kleine Straße westlich des Flusses Durance zu nehmen. Da sind zwar nochmal ein paar gute Steigungen drin, sie ist aber deutlich schöner, als die „Normalroute“ entlang der großen Straße. Mit insgesamt 2108 Höhenmetern auf knapp 100 km ist diese Runde für sportliche Fahrer ein Genuss.

Den zweiten Radtag widmen wir der Alpe d’Huez. Die Tour de France verleiht diesem Hotelburgenstädtchen einen fast magischen Klang. Durch den Bergwald geht es über gemäßigte Serpentinen voran. Gedenktafeln und Straßenbemalungen lassen keinen Zweifel daran, dass dieser Aufstieg zur Legende geworden ist. In La Garde ist der Bergwald durchfahren und die Aussicht ist einfach klasse. Kehre für Kehre geht es bergauf durch eine abwechslungsreiche Landschaft – einfach eine Freude, sich hier mit dem Rad hoch zu winden. In L’Alpe d’Huez angekommen, stechen zunächst die Bausünden ins Auge, der Focus ist aber schnell wieder auf die Straße gerichtet. Unverkennbar die Zielgerade und das Siegerpodest, das wohl immer da steht.

Wir packen das Auto und fahren hinüber nach Modane. Nach einer gemütlichen Nacht auf dem Campi und gutem Essen starten wir zum dritten Radtag in St. Michel de Maurienne auf 700 Meter Höhe. Durch den Bergwald geht es 870 Höhenmeter hinauf zum Col du Télégraphe. Der präsentiert sich eher unspektakulär: eine Kurve, ein Schild, ein Haus. Kein Ding, wir wollen eh weiter zum Galibier. Erst mal geht es wieder bergab nach Valloire. Hier beginnt der Anstieg zum Col de Galibier; das Schönste, was ich je mit dem Fahrrad gefahren bin; einschließlich Island und Skandinavien. Lange Geraden in baumlosen Hochtälern wechseln sich ab mit atemberaubenden Serpentinen in steilen Hängen. Und das bei Hochgebirgs-Panorama. Es dürfte ewig so weitergehen. Die meisten Autos sparen sich den letzten Anstieg und fahren durch den Tunnel. Wir genießen die letzten Kilometer umso mehr und erreichen bei 2646 Meter Höhe den Pass.

Auf der Abfahrt durch böigen Wind ist Vorsicht geboten. In kurzer Hose und Radtrikot ist es wahrscheinlich völlig egal, ob es dich bei 90 oder 110 km/h zerlegt, aber ich fange bei 90 eben an zu denken, was ich da eigentlich tue und lass es damit auch gut sein. Mein Sohn Vivi als Ex-Radrennfahrer pfeift da noch auf dem Lenker liegend an mir vorbei. Sein Limit liegt jenseits der 100 km/h. Wir sehen uns später… zum Glück.

Bleibt als Resümee, dass es erst mal wieder darum ging, seinen Allerwertesten zu erheben und loszufahren; unterwegs läuft’s dann schon fast von selbst. Vier Pässe in drei Tagen, 5383 Höhenmeter, zusammen eine richtig gute Zeit gehabt und gesund wieder heimgekommen; was will man mehr?

Vulkanausbruch auf Island

Winter 2010. Seit über zwei Wochen bin ich allein im isländischen Hochland unterwegs. Ich sitze vor dem Zelt und denke gerade an das Ende meiner Einsamkeit, als ein Hund auf mich zu rennt und alles gibt, mir die Haut vom Gesicht zu lecken. Es ist Skuggy, der Hund von Gunnar, dem Hüttenwart der isländischen Wanderhütten. „Na also“, denke ich „passt doch. Ein perfekter Lift nach Reykjavik.“ Gunnar und Ole wollen aber erst mal zu dem neuen Vulkan, der gerade ausgebrochen ist. Ich habe keine Ahnung davon, war ja zwei Wochen ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt.

Am nächsten Tag machen wir uns mit den Autos auf den Weg in den Süden. Die ersten 30 Kilometer gehen quer über Eis und Schnee, bis wir die Schotterpiste der Kjölur-Hochlandroute erreichen. Von nun an geht es zügig in den Süden zur Ringstraße und weiter nach Hvolsvöllur. Versuche, mit den Autos ins Tal der Þórsmörk zu kommen, werden von Straßensperren der Polizei vereitelt. Da helfen auch Oles Diskussionen nichts. Das Gebiet ist abgesperrt, die umliegenden Bauernhöfe wurden bereits evakuiert. So fahren wir direkt zum Skógafoss und versuchen von dort aus, zu Fuß den neuen Vulkan zu erreichen.

Direkt am Wasserfall machen wir uns auf den Weg nach Norden. Es sind rund 15 Kilometer Strecke und 1000 Höhenmeter bis zum Pass Fimmvörðuháls, wo der Ausbruch stattfinden soll. Vier Stunden später stehen wir vor dem beeindruckenden Schauspiel. Photogen präsentiert sich der neue Vulkan und speit flüssige, orangefarbene Lava aus einer breiten Spalte. Nach Norden hat sich ein Lavafluss gebildet, über den sich der heiße Brei in Richtung Þórsmörk arbeitet. Ohne es auszusprechen ist uns klar, dass wir auch die Nacht hier verbringen werden. Mit Einbruch der Dunkelheit wird die Szenerie noch magischer. Mit lautem Zischen und Fauchen sprühen unglaubliche Mengen an flüssiger Lava in den Nachthimmel und fallen wie steinerne Wasserfälle wieder zu Boden. Erst am Morgen machen wir uns auf den langen Rückweg, und am Nachmittag erreichen wir Reykjavik. Drei Wochen später bricht in direkter Nachbarschaft zum Fimmvörðuháls der Vulkan unter dem Eyafjallajökull aus und legt den europäischen Flugverkehr lahm.

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