#Expedalition- Eine Skitourentrip mit dem Rad

20 Grad, leichte Brise, T-shirtwetter. Wir sitzen Ende März auf der Terrasse und sollten packen. Vor dem dritten Radler holen wir beim nächsten Bikeladen Pappkartons. Wir haben uns in weiser Voraussicht den ganzen Tag Zeit genommen, um die Ausrüstung flugfähig zu machen. Was hat uns eigentlich geritten? – denke ich mir als wir in München mit zwei Radboxen, zwei Anhängern und in Plane eingewickelten Ski am Flughafen stehen. Fahrräder als Transportmittel für drei Wochen Skitouren in Nordnorwegen. Übernachten im Zelt. April. Für die Allermeisten ein Vorhaben zwischen gewagt und undenkbar – sicher kein entspannender Urlaub. Für uns? Mal sehen.

„Bei so einer Aktion ist das Glück nachher größer als die Vorfreude, jetzt hab ich eher noch Bammel“

Irgendwann vor einem Jahr im Auslandssemester in Trondheim kam uns die Idee. Wie geht man auf Skitour ohne Auto? Versierte Fahrradfahrer sind wir schon länger; Auch für die ein oder andere Tagestour haben wir uns schon den Zustieg mit dem Rad erleichtert. Es dauerte dann noch eine Weile bis wir Nägeln mit Köpfen machten und um Weihnachten die Flüge buchten. Danach überlegten wir uns, wie wir Skitourenausrüstung und Wintercampingsachen auf dem Fahrrad transportieren. Irgendwann standen dann auch zwei Fahrradanhänger bereit – der Grundstein war gelegt und zurück ging nicht mehr.

In Bodo am Flughafen sind alle 5 Gepäckstücke durchgekommen. Wir bauen am nächsten Morgen die Räder auf und gewöhnen uns an die Fahrt mit den Trailern. Bis wir alles austarieren und Ski, Schuhe & Stöcke bestmöglich platzieren dauert es eine Weile. Das endgültige ‚Setup‘ wird erst nach einigen Tagen Einsatz gefunden sein. Wir kleben die Trailer noch mit Klebeband ab, um sie vor den Skikanten zu schützen.

Dann geht es mit der Autofähre auf die Lofoten. Die recht extensive Planung sieht vor, die Lofoten von West nach (Nord-)Ost zu durchqueren. Der Vollständigkeit halber fahren wir also vom Hafen nach Å, was der Westspitze der Lofoten am nächsten liegt und schlafen dort. Ab hier sind wir auch schon mittendrin. Am ersten Fahrradtag besteigen wir den Ryten bei Fredvang. Unser Ziel ist es jeden Tag mit gutem Wetter zu nutzen. Bis uns das Wetter unterbricht fahren wir bis Leknes und gehen täglich eine Skitour. Mich (J) erreicht ein kurzes Video von Zuhause; Im Ofen brutzelt ein Schweinebraten, die Kruste schnalzt und aus dem Off hört man ein bewunderndes Lachen und ein freudiges ‚Hurraa!‘. Meine zugegeben etwas gehässige Antwort ist ein kurzes Gipfelpanorama des Stornappstinden – das wohl schönste meines bisherigen Lebens. Unsere dämlich grinsenden Gesichter strahlen in der Sonne während wir eine noch unbefahrene Südrinne abfahren. Abends gibt es, wie immer, Couscous mit Konservengemüse.

Tricky auf den Lofoten sind für Radfahrer die Tunnel. Da in Nordnorwegen die meisten Autos mit Spikes ausgerüstet sind, sind sie ungeheuer staubig. Die Inseln Flakstad und Vestvåg sind nicht durch eine Brücke, sondern einen solchen Tunnel verbunden, bei dem zusätzlich noch Höhenmeter zurück über die Wasserlinie zu überwinden sind. Es knirscht zwischen den Zähnen wie nach einem Beachvolleyballmatch und wir sind sicher, wir haben beim Rauskeuchen ein paar Lebensjahre in unsere neuen Staublungen investiert.

Den ersten größeren Schlechtwetterblock verbringen wir an einem Campingplatz nahe Leknes. Schon letztes Jahr haben wir hier bei unserem Roadtrip Schlechtwetter in einem kleinen roten Holzhüttchen abgesessen. Diesmal wird es die erste von nur zwei festen Schlafstätten unserer Reise bleiben. Nach zwei Tagen fliegen wir aus einem uns unbekannten Grund am späten Nachmittag vom Campingplatz und machen uns auf Richtung Svolvaer. Das Wetterkarma ist uns wohlgesonnen und schickt die Sonne zu uns raus – hah, danke fürs Ärsche hochziehen, launischer Campingplatzbesitzer. Wir radeln an einem einsamen Küstenabschnitt entlang, vorbei am tags zuvor bestiegenen Justadtinden und genießen die großartige Landschaft. Abends zelten wir am Meer.

Tags drauf gehen wir auf den Botntinden (711 m. ü. NN). Wir unterhalten uns dort mit einem Deutschen, der vor 15 Jahren aus Deutschland auswanderte. Er gibt uns noch Tipps wie wir am besten diesen Berg besteigen, es gilt nämlich einen nicht ganz kleinen Schmelzwasserbach zu überqueren. Zusätzlich liefert das norwegische Wetter die üblichen Kapriolen: Sonne, Regen und Schnee innerhalb einer Stunde. Die Abfahrt durch exzellentes Gelände wird ein bisschen von diffusem Licht und nicht ganz optimalem Schnee getrübt. Abends kommen wir geschaffter als bisher am Dumpster in Kabelvåg an und treffen dort zwei gleichgesinnte einheimische Mädels. Sie weisen uns auf die Frage nach einem schönen Plätzchen fürs Zelt zum Gelände des örtlichen Waldkindergartens. Dort können wir bei Windstille angenehm Zelten, unsere Sachen im Planenverschlag trocknen und sogar unser Geschäft im Freiluftklo mal wieder gemütlich sitzend verrichten.
Am nächsten Tag geht es auf den Blåtinden bei Svolvaer. Der vielleicht meistbestiegene Skitourenberg der Lofoten und Hausberg von Svolvaer. Wir besteigen diesen über den Nordhang. Jonathan muss die Ski abschnallen, da es steil und eisig ist. Über den Grat gelangen wir dann bei Windstille auf den Gipfel. Außer uns ist – warum auch immer – niemand anderes unterwegs.
Wir übernachten am Strand. Am folgenden Morgen genießen wir ausgiebig die Sonne bis wir Richtung Geitgallen (Groß und mächtig, schicksalsträchtig) aufbrechen. Wir steigen bei Neuschnee auf. Gestern war der meistbegangene, heute der bekannteste Berg der Inseln dran. Ungleich höher, alpiner und mächtiger – dadurch aber auch seltener möglich. Im Schneegestöber eines Schauers müssen wir auf den letzten Metern abrechen, da wir weder Pickel noch Steigeisen dabei haben, ohne die das steile Firnfeld ganz oben schnell ungemütlich werden kann. In der Abfahrt gibt es dann kein Halten mehr: frischer Powder und ideales Gelände so geil, dass wir vergessen, Bilder zu machen. Nach der Abfahrt fängt es wieder an zu schneien.

An den folgenden Tagen ist erstmal die Luft raus. Wir verbringen zwei Nächte im Regen auf dem Campingplatz Sandsletta. Jonathan hat im Dumpsterlotto verloren und kotzt in der ersten Nacht aus dem Zelt. Hoffentlich keine Grippe. An Tag zwei geht’s dann schon wieder besser und die Speicher können wieder gefüllt werden – puh, nur eine Magenverstimmung. Von anderen Skitourern bekommen wir einen Tipp, der uns aus der Lethargie reißt: Wenig weiter am Fjord befindet sich eine Schutzhütte für Radfahrer, Skifahrer und Surfer. Wir verlassen dafür bei Regen den Campingplatz. Die rundum verglaste Schutzhütte am Strand bietet Unterschlupf und wir werden von den später eintrudelnden Tippgebern zu Ratatouille und Fisch eingeladen. Ein wohltuendes Mahl nach tagelangen Couscous-Sessions. Dazu gibt’s Bier und Tequila. Wir steuern noch unseren Gipfelschnaps bei und einem feuchtfröhlichen Abend unter Gleichge(un)sinnten steht nichts mehr im Wege.

Nach Ende des Regens verlassen wir die Lofoten mit der Fähre via Fiskebol-Melbu. Von nun an befinden wir uns geographisch auf den Ofoten und die Landschaft verändert sich. Die Berge werden größer und weniger schroff, aber nicht weniger Imposant. Nach Tagen der Abstinenz gehen wir auch endlich wieder eine Skitour. Powder im Gipfelhang und pistenartiger Harsch ohne Bruch im Mittelteil, mit grandiosen Blick zurück auf die Lofoten.

Dann passiert es und wir erleiden unseren ersten Platten. Nach dem Flicken bricht uns auch noch das Ventil, sodass wir unseren Ersatzschlauch verbrauchen müssen. Der Riss im Mantel wird natürlich fachgerecht mit Gaffatape geflickt. Die nachmittägliche Tour führt wegen der Verzögerung und des unterschätzten Gipfelgrades nicht bis zum Gipfel.

Wie schon am Vortag sind wir auch bei der zweiten Tour Nahe Flesnes allein. Jetzt müssen wir sogar Spurarbeit leisten, da diese Gegend wenig touristisch geprägt ist. Am Titinden bläst es uns im Aufstieg fast vom Rücken. Hinter der Gipfelwechte herscht jedoch absolute Windstille. Wir sitzen in der Sonne und genießen die Wärme. Es ist schön ab und an einfach nicht zu frösteln. Nach einer weiteren Nacht in freier Wildbahn genehmigen wir uns mal wieder eine Dusche. Auf dem Campingplatz lassen wir uns bei bestem Wetter die Sonne auf den Pelz scheinen und brechen das erste Mal unsere Regel und gehen keine Skitour an einem guten Tag. Die Wettervorhersage sagt schlechtes Wetter voraus. Uns bleiben noch zwei gute Tage um nach Narvik zu kommen. Allerdings liegen da noch 130 km mit dem Rad vor uns und ein hübscher Berg muss auf dem Weg noch angemessen begutachtet werden. Das Begutachten lohnt sich ziemlich. Wir bekommen nochmal eine ordentliche Ladung Powder ab, allerdings sind wir beide so im Unterzucker, dass wir mal wieder vergessen Bilder zu machen. Schlussendlich übernachten wir nach zwei harten Tagen (130km Rad 1100hm Skitour 1700hm Rad) am Strand vor Narvik. Wir genehmigen uns ein Bad im arktischen Meer; An dieser Stelle wollte einer der Autoren beim texten unterschlagen, dass dafür viel Überzeugungsarbeit des anderen Autoren von Nöten war (Anm. d. Red.). Am nächsten Tag beenden wir unseren Trip nach 18 reinen Tourtagen, 620km und ca. 6500hm auf dem Fahrrad und noch etwas mehr auf Ski.

Wir nehmen den Bus zurück nach Bodø wo wir auf dem Campingplatz unseren Flug abwarten und während einem Schönwetterfenster noch zu einer letzten Skitour aufbrechen. Nach einer finalen, spaßigen Abfahrt können wir zurück am Parkplatz gerade noch einen Polizeieinsatz abblasen. Ein besorgter Bürger wollte diesen starten, nachdem er unsere Räder, Hänger und zum Trocknen aufgehängte Schuhe und Kleidung bemerkt hatte. Er macht uns einen Vorwurf, wir hätten eine Notiz hinterlassen sollen. Wir zeigen Verständnis, er gibt der Pozilei telefonisch den Fehlalarm durch und zieht von dannen. Zu allem Überfluss zeigt uns der kajakfahrende Ungar am Campingplatz in Bodo einen Tag später ein Bild von der riesigen Wechte an ebendiesem Berg, die offenbar kollabiert ist, eine Nacht nachdem wir unsere Kurven unter ihr zogen. Eine sehr kleine, aber nicht ungefährliche Lawine. Das stimmt nachdenklich, vielleicht waren wir da zu unvorsichtig, nach dem Motto:

„Die letzte Tour, kein steiles Gelände, passiert schon nix“(J)

Aber nach reichlich Reflexion war es ein logischer, unterhaltsamer und damit lohnender letzter Ausflug.

Unterm Strich: Alles hat überraschend gut funktioniert. Wir haben kein Fahrrad oder Ski kaputt gemacht, alle Zehen sind noch dran; Köpfe auch (was nicht bedeutet, dass sie durch die viele Frischluft jetzt mehr denken).
Es war ein toller, lehrreicher, berauschender, vielleicht bewusstseins-, auf jeden Fall sinneserweiternder Trip! Wir sind zu Dankbarkeit verpflichtet, so einen Scheiß machen zu können. Ein besonderer Dank geht hier natürlich auch an unsere Sponsoren Topeak, Ergon und Julbo ohne euch wäre dieser Trip noch chaotischer geworden.

Fotos & Text von Jonathan Pietsch & Tim Steffinger

Vier Tour-de-France-Pässe an drei Tagen

Ein paar Tage Zeit und Bock auf Radfahren. Also die Räder aufs Autodach, Zelt und Schlafsäcke rein und ab in die französischen Alpen. Wenn das Wetter mitmacht, könnte es in der Zeit gerade hinhauen mit Col d’Izoard, Alpe d’Huez und über den Col du Télégraphe zum Col du Galibier.

Mit dem Auto fahren wir nach L’Argentière la Bessée auf 950 Meter Höhe, unserem Startpunkt zum Col d’Izoard. Endlich sitzen wir auf dem Rad. Zum Einrollen ist das flache Stück nach Briançon perfekt. Hinter Cerviéres schraubt sich die Straße hinauf auf 2360 Meter Höhe. In superschönen Serpentinen windet sie sich zum Col d’Izoard, und so sind die 1400 Höhenmeter bald geschafft. Wie so oft bei Alpenpässen, empfängt uns auf der anderen Seite eine völlig andere Landschaft. Die schmale Abfahrt nach Guillestre führt durch ein felsiges Tal durch urige, kleine Tunnel. Wer jetzt noch Kraft hat, dem empfehlen wir für den Rückweg nach L’Argentière la Bessée die kleine Straße westlich des Flusses Durance zu nehmen. Da sind zwar nochmal ein paar gute Steigungen drin, sie ist aber deutlich schöner, als die „Normalroute“ entlang der großen Straße. Mit insgesamt 2108 Höhenmetern auf knapp 100 km ist diese Runde für sportliche Fahrer ein Genuss.

Den zweiten Radtag widmen wir der Alpe d’Huez. Die Tour de France verleiht diesem Hotelburgenstädtchen einen fast magischen Klang. Durch den Bergwald geht es über gemäßigte Serpentinen voran. Gedenktafeln und Straßenbemalungen lassen keinen Zweifel daran, dass dieser Aufstieg zur Legende geworden ist. In La Garde ist der Bergwald durchfahren und die Aussicht ist einfach klasse. Kehre für Kehre geht es bergauf durch eine abwechslungsreiche Landschaft – einfach eine Freude, sich hier mit dem Rad hoch zu winden. In L’Alpe d’Huez angekommen, stechen zunächst die Bausünden ins Auge, der Focus ist aber schnell wieder auf die Straße gerichtet. Unverkennbar die Zielgerade und das Siegerpodest, das wohl immer da steht.

Wir packen das Auto und fahren hinüber nach Modane. Nach einer gemütlichen Nacht auf dem Campi und gutem Essen starten wir zum dritten Radtag in St. Michel de Maurienne auf 700 Meter Höhe. Durch den Bergwald geht es 870 Höhenmeter hinauf zum Col du Télégraphe. Der präsentiert sich eher unspektakulär: eine Kurve, ein Schild, ein Haus. Kein Ding, wir wollen eh weiter zum Galibier. Erst mal geht es wieder bergab nach Valloire. Hier beginnt der Anstieg zum Col de Galibier; das Schönste, was ich je mit dem Fahrrad gefahren bin; einschließlich Island und Skandinavien. Lange Geraden in baumlosen Hochtälern wechseln sich ab mit atemberaubenden Serpentinen in steilen Hängen. Und das bei Hochgebirgs-Panorama. Es dürfte ewig so weitergehen. Die meisten Autos sparen sich den letzten Anstieg und fahren durch den Tunnel. Wir genießen die letzten Kilometer umso mehr und erreichen bei 2646 Meter Höhe den Pass.

Auf der Abfahrt durch böigen Wind ist Vorsicht geboten. In kurzer Hose und Radtrikot ist es wahrscheinlich völlig egal, ob es dich bei 90 oder 110 km/h zerlegt, aber ich fange bei 90 eben an zu denken, was ich da eigentlich tue und lass es damit auch gut sein. Mein Sohn Vivi als Ex-Radrennfahrer pfeift da noch auf dem Lenker liegend an mir vorbei. Sein Limit liegt jenseits der 100 km/h. Wir sehen uns später… zum Glück.

Bleibt als Resümee, dass es erst mal wieder darum ging, seinen Allerwertesten zu erheben und loszufahren; unterwegs läuft’s dann schon fast von selbst. Vier Pässe in drei Tagen, 5383 Höhenmeter, zusammen eine richtig gute Zeit gehabt und gesund wieder heimgekommen; was will man mehr?

Packraften auf der Isar

Chaos nur Chaos.
Steffen und ich sind irgendwie auf das Thema Packraften zu sprechen gekommen. Irgendwann war dann die Zeit gekommen das Ganze auszuprobieren. Schlussendlich furen wir mit dem Zug nach Mittenwald und wollten die klassische Packraft Tour machen. Von Mittenwald über die Birkarspitze und dann die Isar runter. Aber irgendwie kam alles anders. Im Nebel sind wir dann, vor lauter schwätzen, falsch abgestiegen und Flußabwärts von Mittenwald rausgekommen. Daraufhin haben wir uns kurzerhand ein Taxi gegönnt und sind von Scharnitz ins Isartal hoch gelaufen. Schlussendlich sind wir am dritten Tag die Isar dann fast vom Ursprung bis Mittenwald gerutscht und gefahren.

Alles in allem super Boote. Wir waren über die Robustheit der Badewannen echt überrascht.

Tourpunkte:
Mittenwald-Karwendelbahn-Dammkar-Hochland Hütte-Wörnerlahne-Ochsenalm-Mittenwald-Scharnitz-Isar Ursprung-Mittenwald

Fløtatinden Mitte Mai

Eigentlich sollten Jonathan und ich lernen. Eigentlich. Schließlich einigen wir uns darauf nur eine Skitour zu gehen. Von Trondheim geht es über die E6 mal wieder nach Süden Richtung Sunndalsøra auf den Fløtatinden (1.711m ü. NN). Da auf Meereshöhe kein Schnee mehr liegt müssen die Ski die ersten 300-400 Höhenmeter getragen werden. Wir versuchen möglichst lange uns auf abgetauten Graßrücken zu halten. Eine Woche vorher taten wir dies auf dem Galdhøppingen nicht und wurden durch 3 Mal Abschnallen belohnt.
Als wir schließlich die Schneegrenze hinter uns lassen sehen wir noch aus gutem Abstand wie ein Nasschneerutsch zu Tale geht. Wir steigen durch einen schicken flachen Trog auf und meiden Fischmäuler in der Schneedecke, welche aber 100hm nach der Schneegrenze verschwinden. Die Gipfelwechte und die Bedingungen erlauben einen schicken Drop, nachdem wir diese kurz auf allen Vieren erklommen. Auf dem Weg nach unten erwartet uns, was wir kaum glauben können, Powder. So wird die für mich letzte Skitour der Saison noch mit eine der Besten.

Innerdalen und (mal wieder) Storlidalen über den 1.Mai

Es fühlt sich komisch an und ziemlich falsch. Wir sind in Trondheim, es ist 11 Uhr morgens und es ist warm genug für kurze Hosen (11°C, die spinnen die Norweger). Wir wollen heute noch nach Innerdalen auf die Dronningkrona (1825 m ü. NN). Natürlich kommen wir nicht um 11 los, der Eine vergisst die Schuhe, der Andere bringt noch Essen mit und der Dritte kocht beziehungsweise frühstückt noch. Irgendwann mal ist der gute alte Audi 80 gepackt und los geht es auf die E6 Richtung Süden. Gegen 15 Uhr erreichen wir den Parkplatz in Innerdalen. Für den versierten Alpen-Frühjahrs-Tourengänger steht spätestens jetzt der Zeitplan Kopf. Das erste Mal dieses Jahr müssen unsere Ski getragen werden. Durch Hänge voll Moss und Gestrüpp geht es bergauf, bis zur Schneegrenze. Dann kommt endlich wieder Schnee unters Fell. Der Schnee ist erst sulzig und wird dann aber schnell hart. In Norwegen hat der Schnee oft keine Möglichkeit tageszeitenbedingt zu schmelzen, da es nicht warm genug wird. Auf harten windverpressten Schnee steigen wir auf und stellen hierbei schon fest, dass die Abfahrt kein Genuss wird. In einem steileren Hang (35°) haben wir Probleme Kanten und Fell gut aufzusetzen. Wir gehen ein paar hundert Höhenmeter nach dem Motto zwei Schritte vor und einen zurück. Hätte man doch die Felle anständig zurecht geschnitten oder nicht bei den Harscheisen gespart und wäre man nicht zu faul die Steigeisen anzulegen. Naja, alles geht vorbei. Wir folgen oben einem Rücken für 2 Kilometer und stehen gegen halb 8 Uhr abends auf der Dronningkrona. Es ist kalt und windig, wie auf jedem Gipfel in Norwegen. Das Panorama hingegen großartig mit Blick auf die Fjorde und Berge. Wir fahren den Rücken hinunter und warten auf den Sonnenuntergang. Drei Tage vorher taten wir dies nicht und bereuten es. Wir warten eine geschlagene Dreiviertelstunde. Die Sonne zeigt sich schließlich unter der Wolkendecke und taucht alles in rot. Bei diesem Licht können wir hervorragend abfahren, da der Kontrast hoch war. Im unteren Bereich gibt es dann noch eine nette Slush-Tree-run Session. Gefahren wird bis es wirklich nicht mehr geht. Dann müssen die Skier wieder auf den Rücken. Gegen halb 11 sind wir schlussendlich wieder am Parkplatz und stellen dort die Zelte auf.

Kongskrona

Am nächsten Tag ging es dann auf die Kongskrona. Wir fahren mit dem Auto bis zum Talschluss und packen die Ski (mal wieder) auf den Rucksack. Wir überqueren einen Fluss und suchen uns einen Weg um die Schneereste herum, da Auffellen etwas zu optimistisch wäre. Als wir das Hochtal erreichen sehen wir schon einige Skitourengruppen vor uns. Es ist fast so voll wie in den Alpen. Heute steigen wir gemütlich auf und  lassen uns nicht stressen. Dabei holen wir uns natürlich einen dicken Sonnenbrand. Von weitem sieht die Aufstiegsspur ziemlich kritisch aus. Steil, Felsbänder und alte Lawinenkegel. Ein Blick auf die Karte gibt aber Entwarnung. Dadurch, dass es diesen Winter ausserordentlich viel Schnee hat lassen sich die Gletscher selbst um diese Jahreszeit seilfrei begehen. Heute zeigt sich das gleiche Problem wie gestern. Die Schneeoberfläche ist hart und Harscheisen besitzen wir immer noch nicht. So schleppen wir uns hunderte Höhenmeter mit Beinarbeit auf den Kanten nach oben. Im oberen Bereich wird es mir zu bunt oder zu steil. Ich schnalle die Ski auf den Rücken und gehe die letzten 50hm zu fuß. Wobei hier ordentlich Stufen geschlagen werden mussten. Oben empfängt uns der übliche norwegische Wind gepaart mit strahlenden Sonnenschein. Wir suchen uns eine windgeschützte Stelle und genießen den Ausblick. Wir fahren nicht ab, wie wir aufgestiegen sind. Dabei müssen wir auf Sicht fahren und einen Gletscherabbruch umfahren. Was zum Glück alles Problemlos funktioniert. Danach cruisen wir locker durchs flachen Gelände. Im Wald wird der Schnee dann auch wieder knapp. So muss hin und wieder das Moos im Wald oder der Ski auf Stein dran glauben. Aber es wird gefahren bis es nicht mehr geht. Am Parkplatz blödeln wir ewig rum, veranstalten ein riesen Chaos und stellen die Zelte auf einer Wiese auf.

Nønshoa

Am nächsten Morgen ist das Wetter eher so mittel. Die Satellitenvorhersage zeigt, dass das Wetter im Nachbartal bis Nachmittags halten soll. So beschließen wir mal wieder nach Storlidalen zu fahren, wo wir diesen Winter schon etliche gute Tage verbracht hatten. Dort besteigen wir noch den Lønshoa, allerdings gibt es von dieser Tour nichts sonderlich Spektakuläres zu berichten. Der Schnee ist so nass, dass es bremst und im oberen Teil bockelhart. Zudem ist die Sicht und der Kontrast noch schlecht. Dafür gibt es aber eine Gipfelhalbe. Es kann nicht jeder Tag ein Traumtag werden.

Trekking im Kaukasus, Elbrus von Norden

Russland, Kaukasus, Elbrus, 5000er… hört sich mal anders an als Alpen und Skandinavien. Ich wurde neugierig. Mein Kumpel Alexios Passalidis machte genau dort zu Sowjet-Zeiten seine Bergführer-Ausbildung. Er plante gerade, mit einer kleinen Gruppe über einen etwas längeren Trekking-Zustieg den Elbrus von der einsameren Nordseite zu besteigen. Dabei übernahm er den ganzen Kram mit Genehmigungen, Papieren, An- und Abreiseformalitäten für eine Gegend, die politisch sehr instabil ist. Das war zu verlockend, ich war dabei. In der Abendsonne schwebt die Maschine von Moskau über Mineralnye Vody ein. Auf dem kleinen Flugplatz kommen wir uns vor wie auf dem Viehmarkt. Das Vieh sind wir. Ein Herr Oberwichtig mit zu großer Uniformmütze studiert lange unsere Papiere, bis er zu dem Entschluss kommt, dass irgendetwas fehlt (Rubel), und wir den Flughafen nicht verlassen dürfen. Alex regelt das ohne Geld und wir gehen unserer Wege. Nach einer Nacht im „Internationalen Hotel“ in Pyatigorsk fahren wir in zwei Geländewagen russischer Bauart ins Khurzuktal und werden dabei noch einige Male mit vorgehaltener Waffe von der Miliz gefilzt.

Umso mehr genießen wir am Abend die Ankunft in Khurzuk. Vor uns liegt das unberührte Hochgebirge. Nach vier Stunden Aufstieg stellen wir die Zelte auf. Von hier aus unternehmen wir zwei Tagestouren auf rund 3700 zur Akklimatisation – und aus Freude am Bergsteigen. Unweit unserer Zelte beziehen drei Hochlandhirten mit ihren Tieren ihr Sommerquartier. Einer davon hat bei Alex als Kind reiten gelernt. So verbringen wir die Abende in ihrer kleinen Hütte bei Hammelfleisch und frischem Schafskäse mit Brot und Kräutern, zuzüglich unserer bescheidenen Beigaben. Wir würden ihnen gerne etwas geben. „Spenden“ anzunehmen oder fürs Essen bezahlen geht aber gar nicht. Also machen wir einen Deal: Sie bringen mit ihren Pferden unsere Rucksäcke zum nächsten Pass und wir bezahlen sie dafür. Den Balk-Bashi-Pass erreicht, geht es auf 3700 Meter Höhe weiter dem Gletscherrand entlang in Richtung Westen, Richtung Elbrus. Nach einer Nacht auf Geröll und der Querung eines Gletschers kommen wir zu der Stelle, an der wir unser drittes Lager geplant hatten. Es ist aber ziemlich stürmisch und die Motivation zum Zeltaufbau lässt zu wünschen übrig. Wir gehen weiter zum sog. „Russenbiwak“, ein paar halbrunde Behausungen aus Aluminium, ohne Wasser oder Klo. Die Elbrus-Nordseite wird weit weniger begangen als die Normalroute im Süden. Trotzdem gibt es hier so eine Art „Berghütte“. Mit drei Russen und einer Katze teilen wir uns die enge Kabine und sitzen gut gelaunt zwei Tage Sturm aus. Nach einer weiteren Akklimatisationstour packen wir die Rucksäcke und steigen auf zu den Lenzfelsen. Auf 4650 Meter ist die Aussicht auf den Kaukasus und das Vorland einfach überwältigend. Wir stellen die Zelte auf und hoffen auf gutes Wetter. Die Nacht bringt Sturm bei minus 15 Grad. Morgen wollen wir zum Gipfel.

Die Gipfeletappe ist technisch leicht, aber die Höhe von über 5000 Metern ist schon deutlich spürbar. Alles geht etwas langsamer und ist deutlich anstrengender als auf 3000. Trotzdem erreichen wir allesamt den Gipfel und feiern dort oben ein kleines Fest. Der Abstieg geht sehr zügig voran. In leichtem Terrain geht es über Firn und Eis zurück zu den Zelten. Mit vollem Rucksack wieder zum Russenbiwak. Eigentlich sind wir noch recht fit, also steigen wir noch weiter ab bis zu einer flachen Wiese auf 2900 Meter Höhe, genannt Flugplatz. Nach über 2700 Höhenmetern Abstieg darf man den Tag beenden. Wir stellen die Zelte auf die Wiese und genießen das frische Wasser aus den klaren Bächen. Zur Feier des Tages spendiere ich als Überraschung eine Runde Mousse au Chocolat für alle. Ich hab den Päcklenachtisch die ganze Zeit mitgeschleppt, und jetzt ist die Zeit gekommen, das Pulver anzurühren. Dies führt zu allgemeiner Heiterkeit und noch besserer Laune.

Der weitere Abstieg führt uns an einer russischen Dampfsauna vorbei, in der wir von Alex nach alter Tradition mit Birkenzweigen ausgepeitscht und danach mit russischem Bier abgefüllt werden. Nach der dritten Sauna-Auspeitsch-Bierrunde soll es dann aber auch genug sein. Bis zur Heimreise haben wir noch ein paar Tage Zeit. Alex zeigt uns noch einiges aus seiner Heimat und bald sitzen wir wieder im Flieger nach München.

Vulkanausbruch auf Island

Winter 2010. Seit über zwei Wochen bin ich allein im isländischen Hochland unterwegs. Ich sitze vor dem Zelt und denke gerade an das Ende meiner Einsamkeit, als ein Hund auf mich zu rennt und alles gibt, mir die Haut vom Gesicht zu lecken. Es ist Skuggy, der Hund von Gunnar, dem Hüttenwart der isländischen Wanderhütten. „Na also“, denke ich „passt doch. Ein perfekter Lift nach Reykjavik.“ Gunnar und Ole wollen aber erst mal zu dem neuen Vulkan, der gerade ausgebrochen ist. Ich habe keine Ahnung davon, war ja zwei Wochen ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt.

Am nächsten Tag machen wir uns mit den Autos auf den Weg in den Süden. Die ersten 30 Kilometer gehen quer über Eis und Schnee, bis wir die Schotterpiste der Kjölur-Hochlandroute erreichen. Von nun an geht es zügig in den Süden zur Ringstraße und weiter nach Hvolsvöllur. Versuche, mit den Autos ins Tal der Þórsmörk zu kommen, werden von Straßensperren der Polizei vereitelt. Da helfen auch Oles Diskussionen nichts. Das Gebiet ist abgesperrt, die umliegenden Bauernhöfe wurden bereits evakuiert. So fahren wir direkt zum Skógafoss und versuchen von dort aus, zu Fuß den neuen Vulkan zu erreichen.

Direkt am Wasserfall machen wir uns auf den Weg nach Norden. Es sind rund 15 Kilometer Strecke und 1000 Höhenmeter bis zum Pass Fimmvörðuháls, wo der Ausbruch stattfinden soll. Vier Stunden später stehen wir vor dem beeindruckenden Schauspiel. Photogen präsentiert sich der neue Vulkan und speit flüssige, orangefarbene Lava aus einer breiten Spalte. Nach Norden hat sich ein Lavafluss gebildet, über den sich der heiße Brei in Richtung Þórsmörk arbeitet. Ohne es auszusprechen ist uns klar, dass wir auch die Nacht hier verbringen werden. Mit Einbruch der Dunkelheit wird die Szenerie noch magischer. Mit lautem Zischen und Fauchen sprühen unglaubliche Mengen an flüssiger Lava in den Nachthimmel und fallen wie steinerne Wasserfälle wieder zu Boden. Erst am Morgen machen wir uns auf den langen Rückweg, und am Nachmittag erreichen wir Reykjavik. Drei Wochen später bricht in direkter Nachbarschaft zum Fimmvörðuháls der Vulkan unter dem Eyafjallajökull aus und legt den europäischen Flugverkehr lahm.

Okla & Lorthøa

Oh Wunder, mal wieder Storlidalen. Dieses Tal eignet sich perfekt zum Skitouren und ist einfach von Trondheim aus zu erreichen. Allerdings war es schon mitte März, weswegen es Südseitig recht harschig war. So haben wir uns dann doch lieber an die Nordseiten gehalten.

Das Video wurde geschnitten und gefilmt von Julien

Winter im isländischen Hochland – solo

Deine Idee einer reizvollen Tour gehört dir. Aber nur, bis die Idee die Oberhand gewinnt. Denn dann gehörst du ihr, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann du sie verwirklichen musst. So ging es mir mit dem Gedanken, im Winter mal eine Zeit allein im isländischen Hochland zu verbringen. So lande ich im Februar 2010 in Reykjavik wo ich erst mal ein paar Tage bleibe. Noch ’mal essen, was und so viel ich will, Schwimmbad und Cafés besuchen, abends mit Isländern in die Kneipe. Der Überlandbus bringt mich in den Norden Islands, zur Abzweigung der Kjölur-Hochlandroute. Der Busfahrer hilft mir beim Ausladen des Schlittens, legt mir seine Hand auf die Schulter und wünscht mir alles Gute – und viel Schnee. Aber im Moment stehe ich mit Packschlitten und Skiern inmitten beigegrüner Weiden. Schnee ist nur auf fernen Gipfeln auszumachen. Ich spanne ein kleines Fahrgestell unter den Schlitten. Ursprünglich war es nur dafür gedacht, leichter durch die Stadt zu kommen. Jetzt muss es mir dabei helfen, über die Schotterpiste die Hochlandkante zu erreichen. Dort wird schon genügend Schnee liegen.

Vor ein paar Tagen wurde ganz in der Nähe ein junger Eisbär erschossen, der von Grönland herüber trieb. Ob seine Mama mit ihm nach Island kam und hier irgendwo herumstreift, ist noch nicht geklärt. Also verlasse ich mal lieber die Küstenregion und mache mich auf den Weg nach Süden. Zwei Hunde kommen auf mich zu gerannt, begrüßen mich freudig und traben die ersten Kilometer neben mir her. Als ich am nächsten Abend das Hochland erreiche, schaue ich auf die endlose Weite und sehe… keinen Schnee! Auf den drei Tage alten Satellitenfotos war hier doch alles weiß! Jetzt erinnert mich dieser Anblick an den isländischen Sommer. Skilaufen und Schlittenziehen sind unmöglich. Was nun? Ich stelle das Zelt auf, esse und verkrieche mich in den Schlafsack. In der Nacht steht mein Entschluss fest: Ich lasse den Schlitten und alle nur irgend entbehrliche Ausrüstung zurück, packe den Rucksack und gehe weiter. Das wird verdammt eng. Ein Buch und ein kleiner Weltempfänger, die mir das lange Alleinsein hätten versüßen sollen, bleiben zurück, ebenso die 20 Tafeln Schokolade, weiteres Essen und Kochersprit. Da bleibt nicht viel übrig. Die Tüte mit Werkzeug und Ersatzteilen wird ebenso ausgemistet wie der Klamottenpacksack. Mit einem lauen Gefühl im Magen lasse ich auch die Steigeisen zurück. Ich lege noch eine kurze Nachricht in den Schlitten und schließe das Verdeck. Die Skier müssen mit. Falls doch noch der große Wintereinbruch kommt, komme ich ohne sie nicht mehr heraus. Der Rest passt gerade so in und an den 90-Liter-Rucksack. Und jetzt los.

Es tut gut, die Schotterpiste zu verlassen und auf natürlichem Boden voran zu kommen. Wie schön wäre es, bei guter Schneelage mit Skiern und Schlitten durch diese Weiten zu ziehen. Nun, es ist, wie es ist. Mein Ziel ist, innerhalb einer Woche Hveravellir zu erreichen, ein Gebiet genau in der Mitte des Hochlands. Dort gibt es heiße Quellen, eine kleine Wetterstation und eine Wanderhütte. Direkt an der Hochlandpiste gelegen ist es im Sommer gut besucht. Jetzt werde ich dort sicher niemanden antreffen. Tag für Tag wird die Umgebung abwechslungsreicher. Das Wetter wird besser, immer wieder kommt die Sonne heraus. Nach und nach legt sich eine dünne Schneeschicht auf die Landschaft. Die Flüsse sind jetzt von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Das macht das Überqueren umständlich und sehr gefährlich. Lange suche ich jeweils nach einer geeigneten Stelle und taste mich sachte über das oft knackende Eis, stets begleitet von weichen Knien, 180 Puls mit anschließendem Durchatmen. Den Rucksack ziehe ich mit einer Reepschnur nach. In solchen Momenten wird mir das Alleinsein schon sehr bewusst.

Nach sechs Tagesetappen habe ich 100 Kilometer geschafft und erreiche bei 5 cm Neuschnee und sonnigem Wetter Hveravellir. Kein Mensch ist zu sehen, auch die Wetterstation ist nicht besetzt. Hauptsache, der Hot-Pot ist da, ein aus Natursteinen gemauertes Badebecken, das von den umliegenden kochend heißen Quellen gespeist wird. Ich stelle das Zelt auf, esse die Miniration Instant-Nudeln und nehme ein heißes Bad im Freien; bei minus 12° Außentemperatur, über mir Sternenhimmel und Polarlicht. Ein unbeschreibliches Erlebnis, aber leider mit niemandem zu teilen. Im Zelt geht die kleine Feier weiter: Eine Kanne Tee, ein paar Kekse und die Vorstellung, morgen ausschlafen zu können und einen Spaziergang in der Umgebung zu machen, besiegeln diesen unvergesslichen Tag.

Zwei Tage später zieht ein Sturm auf, der fast 50 Std. anhält. Hin und wieder halte ich den Windmesser hinaus und messe Böen von über 100 km/h. Endlose, laute Stunden, Langeweile voller Anspannung. Als der Sturm nachlässt, mache ich eine kleine Tour durch das Kjalhraun-Lavafeld. Am Abend merke ich erst, wie sehr die vergangenen Tage an meiner Substanz genagt haben. Die Anstrengung, der Sturm, das Alleinsein und das Zuwenig an Essen fordern jetzt ihren Tribut. Ich kann mich nicht mehr auf den Füßen halten, verliere das Gefühl in den Händen, die Kopfhaut kribbelt. Der Kreislauf macht schlapp. Jetzt aber zügig reagieren! Ich nehme eine Hand voll Würfelzucker mit viel Wasser, koche mir einen Kaffee und mache mir eine extra große Portion Müsli. Als es mir besser geht, verkrieche ich mich in den Schlafsack und versuche zu schlafen. Da sehe ich einen Lichtschein am Zelt, höre ein Brummen in der Ferne. Entweder bin ich jetzt vollends durchgeknallt, oder ich bekomme tatsächlich Besuch. In 100 m Entfernung pflügen sich drei Super-Jeeps durch die Nacht und halten vor der Hütte an. Ich greife zur Stirnlampe und gebe Signal. Schon kommt jemand auf mich zu. „Hae hae, ég heiti Gümmie.“ Gümmie ist Bergführer und mit einer kleinen Gruppe mit den Fahrzeugen über den Langjökull-Gletscher vom Südwesten herauf gekommen. Auch ich gebe meine Geschichte zum Besten. Gümmie meint, ich solle doch in einer halben Stunde zur Hütte kommen, dann wäre das Essen fertig. Eben noch am Rande der Erschöpfung und allein, sitze ich jetzt mit netten Leuten am Tisch bei isländischem Lammbraten, Bratkartoffeln und Gemüse, dazu eine Dose Bier, zum Nachtisch Stockfisch, der vor dem Essen tief durch den Margarinebecher gezogen wird. Im Sommer habe ich in Island etliche solcher Geschichten erlebt, aber jetzt habe ich wirklich nicht damit gerechnet.

Mit Windstille und blauem Himmel beginnt der neue Tag. Zum Abschied drückt mir Gümmies Freundin noch eine große Tüte Expeditionsnahrung in die Hand. Es sei nicht gut, hungrig zu sein, meint sie. Ich fühle mich ausgeruht und kräftig, das Wetter ist fantastisch. Jetzt kann ich noch eine gute Woche bleiben und ein paar Skitouren auf die umliegenden Berge machen. Stellenweise vermisse ich auf dem blank gefegten Firn die Steigeisen, aber meist komme ich mit Skiern und Fellen ganz gut voran.

Nach den schönen Tagen in Hveravellir ist der Höhepunkt der Tour überschritten, das Essen wird jetzt wirklich knapp. Ich mache mir gerade Gedanken, in drei Tagen über den Süden aus dem Hochland heraus zu sein, da kommen Ole und Gunnar angefahren. Gunnar ist der Hüttenwart und schaut auch im Winter mal vorbei. Klar nehmen sie mich mit nach Reykjavik, wollen aber vorher noch zwei Tage zum neuen Vulkan am Fimmvörðuháls, der vor kurzem ausgebrochen ist. Diese Zugabe nehme ich natürlich mit. Wieder in Reykjavik angekommen, steht mir noch eine einwöchige Reise bevor. Ich muss noch einmal in den Norden, um den Schlitten zu holen. Aber das ist eine andere Geschichte…

 

Trondheim-Ludwigsburg

Es war Januar ich saß in Norwegen in meiner Wohnung und schaute auf meine Kreditkartenabrechnung. Sagenhafte 300 Euro kostete der One-Way-Flug nach Trondheim in mein Erasmus-Semester. Mit 300 Euro kann man viel anfangen. So kam mir die Idee die Heimreise im Juni mit dem Rad anzutreten. Recht schnell hatte Martin zugesagt, dass er dabei sei. Mal schauen was geht, wie schnell ist man daheim? Von außen kamen kritische Stimmen wie, zu hart der Zeitplan, das schafft ihr nie. 24 Tage für 2300 km sind zu wenig! Durch den langen Skitourenwinter wuchsen die Oberschenkel, sodass manche Hose nicht mehr passte. Ein Dritter hatte sich auch noch gefunden. Schnell wurden Räder gekauft oder über Umwege und von Freunden von Freunden nach Norwegen gebracht. In der Vorbereitung musste manch Steuersatz entrostet werden, oder eben nicht. Alles in allem fuhr Lukas, unser dritter Mann, sogar mit Rahmenschaltung. Unsere Ziele wurden ambitioniert und ambitionierter. Wir steigerten unseren Plan von 100km auf 150km pro Tag. Unsere Freunde wurden kritischer und kritischer. Und dann ging es auch schon los.
11000hm, 15 Tage und 2378km später waren wir (aber besonders ich) schlauer.

Norwegen
Wir treffen uns unten am Nidelva. Es ist typisch für uns. Martin hat sein Essen vergessen und ich meine Jacke. Da Martin auf dem anderen Berg wohnt heißt es für jeden von uns erst einmal 200 Strafhöhenmeter. Danach düsen wir gemütlich am Nidelva nach Støren. Auf den ersten 50 Kilometern haben wir natürlich die meisten Pannen im ganzen Urlaub. Lukas Fahrradkorbhalterung aus Kabelbindern bricht. Die Halterung von Martins neuen Ortlieb Tasche bricht. Und mein Gepäckträger verliert eine Schraube und klappt ab. Alles wird natürlich professionell repariert mit Kabelbindern und Klettriemen. In Støren biegen wir nach Røros ab. Es geht Stück für Stück und stetig nach oben. Kurz vor Røros campen wir auf einer Wiese. Es ist windig hier oben. Wir freuen uns schon drauf diese Hochebene zu verlassen. Am nächsten Tag schaffen wir dies tatsächlich und wir ahnen es nicht, aber der spektakulärste Teil unserer Reise ist vorbei. Es folgen Tage durch Wälder und vorbei an Seen. Norwegen zeigt sich von seiner typischsten Seite. Der Nahrungsmittelkonsum steigt ins Unermessliche. Bei täglich 6 bis 8 Stunden reiner Fahrzeit ist das auch kein Wunder. Der Erste zeigt Überlastungserscheinungen. Knie und Achillesferse schwellen an. Wir versuchen alles halbwegs zu tapen. Ich bin tagelang am Windschattenfahren und Trittfrequenz erhöhen um das Knie zu entlasten. Nach fünf Tagen verlassen wir Norwegen bei Halden und nehmen noch ein geruhsames Bad am Straßenrand. Bis jetzt können wir unseren 150km Schnitt halten.


Schweden
In Schweden genehmigen wir uns erstmal einen Pausentag (60km). Danach wird wieder Gas gegeben. Schweden ist überraschend hügelig und windig. Der erste Regenschauer unserer Reise zwingt uns zu einer langen Pause. Seit langer Zeit wird es wieder Nacht, welche wir seit Mitte Mai nicht mehr zu Gesicht bekamen. Allerdings wollen wir unbedingt am gleichen Tag Göteborg durchqueren, um uns nicht am nächsten Morgen im Berufsverkehr durch die Stadt zwängen zu müssen. Wir zelten auf einer Wiese am Stadtrand. Wir fahren noch weitere zwei Tage durch Schweden. Teilweise versuchen wir dem Küstenradweg zu folgen. Hin und wieder endet der Radweg auf der Autobahn, naja wir können ja mithalten. Nach unseren Radweg Ausflügen entscheiden wir uns für die alte E6. Hier kommen wir zügig voran und der Autoverkehr fährt zum Großteil auf der neuen E6. Wir sind froh als wir Schweden verlassen und in Helsingborg nach Helsingör übersetzen. Schweden war für uns grau, nass und windig.

Dänemark
Wir verbringen exakt eine Nacht in Dänemark, irgendwo südlich von Kopenhagen. Dänemark kostet Lukas zwei Schlauchreifen, weil die Radwege so holprig sind. Endlich können wir heizen, kein Wind und es ist flach. Das sollte sich am zweiten Tag aber ändern. Die vermeintlich letzten 100km zur Fähre nach Rodby werden die wohl härtesten der ganzen Tour. Es ist sonnig und der Wind kommt von vorne. Trotz Windschattenfahrens und am Unterlenker hängen fahren wir kaum schneller als 20 km/h. Als wir mit der Fähre nach Fehmarn übersetzten sind wir fertig mit der Welt. Total durch und wir haben kaum eine Pause gemacht, um den Wind hinter uns zu bringen.
Deutschland – Wir wollen heim
Nach 10 Tagen im Sattel zeigen sich bei uns erste Motivationsschwierigkeiten. Langsam tut alles weh. Deutschland ist unangenehm. Wir werden ständig von Autofahrern angepöbelt und die Leute wissen alles besser. Wir fahren auf der Bundesstraße von Fehmarn aufs Festland. An der Ostsee schlafen wir mitten in einem Dorf hinter einem Kiosk. Nachts steht eine Frau vor unserem Zelt und sagt:“ Hier kann man doch nicht Zelten.“ Lukas muss sich aus dem Schlafsack ein „doch“ verkneifen. In Lüneburg plündern wir Stilecht ein Sushi-Buffet. Wir sitzen lieber draußen, weil unser Geruch sicher andere Gäste belästigen würde. Der Barkeeper ist auch ein Fernradler und spendiert uns noch eine Runde. Rund um die Lüneburger Heide ist Deutschland ziemlich windig und das stets von vorne. Wir freuen uns als es hinter Göttingen etwas hügeliger wird. Wir treffen noch Jonathan einen Freund, der auch in Norwegen war. In Fulda übernachten wir nochmal alle zusammen unter freiem Himmel. Am nächsten Morgen trennt sich Martin von uns und biegt Richtung Erlangen ab. Lukas und ich fahren noch gemeinsam bis Aschaffenburg. Dort teilen auch wir uns auf. Ich gebe Gas. Ich möchte nach Hause. Am Morgen sagte Google Maps noch 230km. In Aschaffenburg peile ich schon die 240km an. Irgendwann abends bin ich im Neckartal. Und verfahre mich ausgerechnet dort in etwa 20km vor meiner Heimatstadt. Nach 12:40h Fahrtzeit und 268km komme ich schließlich an Tag 15 daheim an.
Der Tag danach

Der letzte Tag kostete mich viel. Am Tag danach verabschiedet sich mein Körper von allem. Schlussendlich verliere ich 8 Kilo und brauche 2 Wochen um wieder einigermaßen fit zu werden. Alles in allem war es eine gute Erfahrung, das nächste mal werde ich aber definitiv dafür sorgen meinem Körper genug und vor allem die Richtigen Nährstoffe wieder zu zuführen.

Planung & Koordination
Als Kartenmaterial diente uns Google Maps, andere Karten besaßen wir nicht. Das funktioniert tatsächlich in Norwegen, Dänemark und Schweden sehr gut. Diese Länder haben einfach weniger Straßen. In Norwegen würde theoretisch auch eine Liste mit Ortschaften reichen. In Deutschland wird das ganze etwas tricky. Hier haben wir uns meist entlang großer Land und Bundesstraßen gehalten. Landschaftlich mag das nicht das Optimum sein, aber unser Ziel war eine möglichst schnelle Fortbewegung. Als Faustregel kann man mit 40-50km in 3 Stunden über den Tag rechnen.

Tag 1: Trondheim-Støren-Røros 163km; 7:12h
Tag 2: bis Engernes 176km; 6:49h
Tag 3: Engernes-Rena-Elverund-Kongsvinget 171km; 7:29h
Tag 4: Kongsvinget-Bjørkelagen 97km; 4:54h
Tag 5: über Ørje-Halden-Schweden 153km; 7:18h
Tag 6: Hottet-Tanumshede-Saltvik 61km; 2:56h
Tag 7: bis Gøteborg 189km; 9:07h
Tag 8: über Falkenberg nach Halmstad 172km; 7:53h
Tag 9: Helsingborg-Dänemark_Helsingör-Kopenhagen 166km; 7:48h
Tag 10: über Rodby-Deutschland-Puttgarden-Grube 159km; 7:34h
Tag 11: Grube-Lübeck-Ratzeburg-Lüneburg 167km; 7:50h
Tag 12: Lüneburg-Celle-Hannover 150km; 6:43h
Tag 13: Hildesheim-Hintsheim-Göttingen-Bad Sooden Allendorf 143km; 6:29h
Tag 14: bis Fulda 143km; 6:39h
Tag 15: Fulda-Maintal-Mosbach-Heilbronn-Ludwigsburg 268km; 12:39h